Kammerspiele  On the Road von Jack Kerouac


 

Keine Erlösung

Mit „On the Road“ bekam der Mainstream einen sehr unangenehmen Beigeschmack, denn die Alternative war rauschhafter Nonkonformismus, propagiert von künstlerischen Underdogs und Outlaws. Sie geriet zur Speerspitze einer Generation, die dank eines Weltkrieges und der traumatischen Erfahrung des Atombombenabwurfes zur „Lost Generation“ wurde. Schon der Schreibvorgang war programmatisch, denn Kerouac verfasste sein Werk nicht auf einzelnen standardisierten Formatblättern, sondern auf einer 36 Meter langen Butterbrotpapierrolle. Es hat überdies lange gebraucht, bis das gesamte Werk seinen Platz zwischen Buchdeckeln gefunden hat. Zu hart war die Kost für das puritanische Amerika; immer wieder wurde zensiert. Mit diesem und mit anderen Werken, beispielsweise von William S. Burroughs und Allen Ginsberg bekam diese Generation einen neuen Namen: „Beat-Generation“.

Diese Autoren, zu denen auch Lawrence Ferlinghetti gerechnet werden muss, predigten ein Leben am Rande des Wahnsinns, so stark war der Weltschmerz. Dabei waren sie keinesfalls literarisch unbeleckt, den Kerouac hatte Shakespeares Dramen, Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“, Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verloren Zeit“ und viele andere Werke der Weltliteratur intensiv studiert. Nach „On the Road“ rang er um Texte, die ursprünglich als Zusätze gedacht waren, die sich aber verselbständigten und in Titeln wie „Neal´s Book“ oder „Vision of Cody“ aufgingen. Kerouac hatte dabei nicht nur mit allen Formen gebrochen, er hatte ein eigenes Programm entwickelt, das in der Spätphase unter dem Titel „Essentials of Spontaneous Prose“ ein durchaus plausibles und in sich stimmiges Werk ergab.

Spontanität ist ein Schlüsselwort zum Verständnis des Lebens der Autoren und ihres Werkes. Sal Paradises rast- und scheinbar ziellose Reisen hatte Jack Kerouac in seinem Leben bereits vorweggenommen und so trägt das Werk unbedingt autobiografische Züge. Ebenso die gescheiterte Ehe, denn von verlassenen Frauen ist immer wieder die Rede im Text. Er reist nicht in die glitzernden Metropolen, die von Touristen angesteuert werden, sondern er sucht im wahrsten Sinn des Wortes das alltägliche Leben, ohne dabei die spektakulären Ereignisse und Topoi aus dem Auge zu verlieren. Allerdings hat er einen neuen Blick auf die Welt entwickelt, der scheinbar Banales glaubhaft in den Rang des Grandiosen erhebt. Und er reist mit und zu Menschen, die unterschiedlichste Biografien haben, aber durchaus Seelenverwandtschaften aufweisen. Alles passiert mit Hochgeschwindigkeit, angeheizt von Flucht, Geldnot, seelischer Bedrängnis, Drogen oder den Rhythmen des Bebob von Charlie Parker.

  On the Road  
 

Paul Brody, Hassan Akkouch, Daniel Dorsch, Thomas Schmauser, Jelena Kuljić, Michael Wilhelmi, Julia Riedler

© David Baltzer

 

David Marton, der sehr erfolgreich seine Vorstellungen von „La Sonnambula“ und „Figaros Hochzeit“ auf die kleinen Bühnen der Kammerspiele gebracht hatte, realisierte seine Vorstellungen von dem anarchischen Text Kerouacs nun auf der großen Bühne des Schauspielhauses. Er inszenierte die Geschichte als bruchstückhaftes Roadmovie, erzählte in Worten, mit Klängen und Musik. Die Bühne, die David Marton gemeinsam mit Amber Vandenhoeck entworfen hatte, war begrenzt von abgebrochenem, unverputztem, schlecht geweißtem Mauerwerk, das an den Giebeln vorbei einige (Video-) Projektionsflächen aufwiesen. In der Mitte der Bühne befand sich eine halbwegs transparente, mit Wellblech gedeckte Hütte. Am vorderen rechten Bühnenrand war eine filigrane Percussionsmaschine installiert, die beinahe unentwegt unterschiedlichste Rhythmen erzeugte, die dem Fortgang der Geschichte folgten oder aber kontrapunktisch eigenständig Stimmungen erregten.

Sämtliche Darsteller musizierten und alle Musikanten stellten dar. Familienszenen, Partys oder beiläufiges Leben traten in den beleuchteten Vordergrund, oder wurden an der Hüttenwand in ein Bild aus einer Schmalfilmkamera gebannt. Videoprojektionen zeigten kilometerfressende Fahrten auf dem Highway. Am Himmel erschienen vielbefahrene Autobahnen, ineinander verschlungen und von Scheinwerfern beleuchtet. Urbanes Leben allenthalben, aber auch kleine Kneipenszenen, in denen der Rhythmus abgestellter Whiskygläser dominierte. Jede Szene wurde durch Musik, Gesang oder Geräusche kommentiert und die jeweilige Atmosphäre des Ortes wurde greif- oder fühlbar. Zudem erklangen immer wieder Bebop Rhythmen, die aufgenommen und verjazzt wurden. So von der magischen Stimme Jelena Kuljićs, in dem Klavierspiel Michael Wilhelmis oder in dem hinreißend poetischen Trompetenspiel von Paul Brody, der mit seinem Basecap an den kürzlich verstorbenen Schauspieler Harry Dean Stanton erinnerte, der in Wim Wenders „Paris, Texas“ verwahrlost und ziellos durch eine weite texanische Landschaft wanderte. Wenn es gewollt war, sei ihm für diese Hommage Dank gesagt.

Die Magie der Aufführung war vollkommen und das war das Wertvollste des Abends, denn inhaltlich scheitert der Held Sal Paradise in Kerouacs Roman. Er findet nicht, was er sucht, und was er sucht beschreibt er mit folgenden Worten: „Irgendwo unterwegs, das wusste ich, gab es Mädchen, Visionen, alles; irgendwo auf dem Weg würde mir die Perle überreicht.“

Ein Ziel war nicht auszumachen. Und so blieb nur der Weg, auf dem es Glücksmomente und tiefe Niederlagen gab, Drogenrausch, flüchtigen Sex und Augenblicke des Angekommenseins, die sofort wieder zerstoben wie der Staub der Straße. Die Freiheit und das Glück blieben unfassbar. Es dämmerte die Einsicht herauf, dass es das fassbare Glück gar nicht gibt. Es war vielmehr das Glück des Steins, der, angetrieben von der Flut des Wassers, ständig in Bewegung blieb und somit kein Moos ansetzte.

Die Werke der „Beat-Generation“ läuteten eine Zeitenwende ein: Die letzte und endgültige Emanzipation des Individuums von der Gesellschaft. Die Gesellschaft kam nicht umhin, das zu akzeptieren. Dafür ist (auch literarisches) Blut geflossen. Es wurde der einfache Mensch der Peripherie wieder in den Focus gerückt und sein Wert zumindest als Sisyphos neu entdeckt. Zugleich erlangte die Musik einen gesellschaftverändernden Rang. Ihre Botschaften entzündeten, mobilisierten und manifestierten. David Marton ist mit dieser Inszenierung eine Hommage gelungen, die nicht nur Geschichte beschwört.

 

Wolf Banitzki


On the Road

Nach dem Roman von Jack Kerouac

Daniel Dorsch, Hassan Akkouch, Jelena Kuljić, Julia Riedler, Michael Wilhelmi, Paul Brody, Thomas Schmauser

Regie: David Marton

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