Kammerspiele Neues Haus  Trüffel Trüffel Trüffel von Eugène Labiche


 

Über die Logik des Marktes

Die Welt ist ein Markt und alles und jeder hat seinen Preis. Um eine gesicherte und bequeme Zukunft zu haben, bedarf es, den Preis so hoch wie möglich zu treiben. Das ist keine Eigenschaft einer Epoche oder einer besonderen Gesellschaft, das ist das menschliche Naturell, das es eigentlich, wie alle humanistischen, gutmenschlichen, zumeist ideologisierten Moralvorstellungen immer wieder beteuern, zu überwinden gilt. Darum auch „Trüffel Trüffel Trüffel“, eigentlich „La poudre aux yeux“, was übersetzt heißt: „Sand in den Augen“, auf der Bühne des Werkraums in den Münchner Kammerspielen. Um den Preis, hier ist es der des arbeitslosen Anwalts Frédéric aus dem Haus Ratinois, und der von Emmeline, Tochter des ebenso unterbeschäftigten Arztes Malingear, hochzutreiben, wird auf haarsträubende Weise hochgestapelt. Doch mit der Fallhöhe kommt auch der Schwindel, der alle Beteiligte erfasst, sie aber nicht vom hemmungslosen Schwindeln abhält. Die Bieter geben Gebote ab, die sie eigentlich gar nicht leisten können und deren einziger Zweck darin besteht, den anderen im Zuge der rasanten Hochrüstung auszuknocken. Und wenn dann auch noch Verwandtschaft auftaucht, die all die Hochstapelei ad absurdum führt, treibt es allen Beteiligten die Sozialschamröte ins Gesicht. In diesem Fall ist es der schräge Patenonkel Robert, der sich letztlich als Retter entpuppen könnte.

Eugène Labiche (1815-1888) avancierte seinerzeit zum „Klassiker der Posse“. Er stellte den Kleinbürger, die ewige und unauslöschbare Art innerhalb der Gattung Homo sapiens, „mit behaglichem und dramatischen Witz im Versteck- und Verwechslungsspiel des Vaudevilles“ auf die Bühne. (H. Falter: Die Technik der Komödien von Eugène Labiche.) Er war einer der wichtigsten Vertreter des Realistischen Theaters im Frankreich des Zweiten Kaiserreichs, der sich immerhin den Vorwurf gefallen lassen musste, seine Stücke wiesen „keinen ernsthaften Kern“ auf. Labiche entgegnete darauf: „Que voulez vous? Je vois gai.“, womit er schlichtweg auf seine heitere Weltsicht verwies. Politische oder soziale Kritik mag sich in seinen Stücken vielleicht nicht unbedingt vordergründig finden, doch wenn es um die Wesenhaftigkeit des Menschen geht, war er ein unbarmherziger Richter.

Das Vaudeville, das mit dem Aufkommen von Fernsehen und Radio in den USA seinen endgültigen Todesstoß erhielt, war aus dem europäischen Jahrmarktstheater hervorgegangen und erfreute sich äußerster Popularität. Allein, es verwundert sehr, dass dieses Genre keine Renaissance erlebt, angesichts der schleichenden Kommerzialisierung des Theaters. Mit Labiche könnte man ganz sicher punkten. (Und Tantiemen wären auch nicht mehr zu zahlen!) Das jedenfalls bewies die Inszenierung von Felix Rothenhäusler, dessen ästhetischer Ansatz bereits in „The Re’Search“ praktiziert wurde. Rothenhäusler inszeniert Sprechtheater in reinster Form und verzichtet dabei weitestgehend auf Bewegungsabläufe, die dramatische Konstellationen bildhaft machen und verdeutlichen.

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Joscha Baltha, Nils Kahnwald, Annette Paulmann, Wiebke Puls, Marie Rosa Tietjen, Samouil Stoyanov, Risto Kübar

© Julian Baumann

 

Auf der Bühne von Jonas von Ostrowski prangte eine auf dem Kopf stehende, bis an die Decke des Werkraums reichende, chromglänzende Pyramide. Hier stand eine beeindruckende Welt auf dem Kopf. Das fünfzigminütige Spektakel begann mit dem Aufmarsch der Darsteller in z.T. recht schrillen Aufmachungen. (Kostüme Elke von Sivers). Aufgereiht mit dem Gesicht zum Publikum spulte nun jeder seine Texte ab, die durch geringfügige, jedoch sehr effektvolle physische Unterstreichungen begleitet waren. Zumeist aber nahmen sie Posen ein, die die Figuren deutlich und zumeist auf sehr komische Weisen charakterisierten. Felix Rothenhäusler hatte, um dem Ganzen noch ein I-Tüpfelchen aufzusetzen, einige Rollen mit dem jeweils anderen Geschlecht besetzt. So spielte Annette Paulmann, fast glatzköpfig und körperlich auf das Wohlstandsmaß aufgeblasen, den schnauzbärtigen Arzt Monsieur Malingear. Vermutlich hätte kein männliches Mitglied des Ensembles diese Rolle besser verkörpern können und die wunderbare Schauspielerin lief wieder einmal zu ganz großer Form auf. Immerhin konnte Nils Kahnwald als Ehefrau Ermelinde wacker eloquent und fantasievoll im Erfinden von Vorzügen mithalten. Kahnwalds feminine Seite oder zumindest die Darstellung einer solchen überzeugte absolut.

Wie bei der Figur des Hubert Malingaer musste man auch bei Monsieur Herbert Ratinois zwei Mal hinschauen, um hinter der Maske Marie Rosa Tietjen zu erkennen. Ihrem Zuckerbäcker, diese Herkunft wurde standhaft geleugnet und in einen Großindustriellen (der in Zucker macht) uminterpretiert, mangelte es sowohl an physischer, als auch an geistiger Größe. Eklatant sichtbar wurde diese Tatsache im Kontrast zu seiner Ehefrau Emilia-Amalia. Wiebke Puls in ihrer atemberaubenden Schlankheit, die Zuschauerinnen auch schon mal verzweifelte Seufzer abringen, überragte nicht nur den eigenen Ehemann, sondern das gesamte Panoptikum. Und somit auch ihren unter die Haube zu bringenden Sohn Frédérik, von Samouil Stoyanov, als einen mit entsetzten Augen auf die Realität starrenden dicken „Zitronenfalter“ in Gelb gespielt. Gelber ging es nimmermehr. Das obskure Objekt seiner Begierde hieß Emmeline und wies eigentlich wenig echte Reize auf. Mit Kuhblick, hängenden Schultern und konsequenter Teilnahmslosigkeit trat Zeynep Bozbay nur in Erscheinung, um ihre Gesangskünste vorzuführen. Das tat sie allerdings sehr konsequent und nicht unbedingt zum Vergnügen der Gesellschaft. Dem fünfzigminütigen komödiantischen Feuerwerk setzte schließlich Risto Kübar die Sahnehäubchen auf, im weißen Jogginganzug, mit blechernen Zähnen und unglaublich bescheuertem Ohrgehänge.

Als das Licht ausging bedankte sich ein überaus dankbares Publikum lautstark für eine irrsinnig komische Vorstellung, der man einen gehörigen Tiefgang auf keinen Fall absprechen konnte. Beim Verlassen des Theaters ließ sich der sehnsüchtige Gedanke, dass es vom Theater dieser Coleur definitiv zu wenig gibt, nicht leugnen. Zugegeben, eine gute Komödie zu inszenieren, ist sehr schwer. Aber es so hinzubekommen wie Felix Rothenhäusler, ist ein echtes Verdienst und bringt viel Ehr`!

Wolf Banitzki


Trüffel Trüffel Trüffel

Lustspiel von Eugène Labiche

Annette Paulmann, Joscha Baltha, Marie Rosa Tietjen, Nils Kahnwald, Risto Kübar, Samouil Stoyanov, Wiebke Puls, Zeynep Bozbay

Regie: Felix Rothenhäusler

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