Kammerspiele Die Attentäterin  von Amir Reza Koohestani nach dem Roman von Yasmina Khadra


 

Ohne Erlösung

Amin ist Arzt in Tel Aviv mit einer vielversprechenden Karriere. Die Chefarztstelle wird in Kürze vakant. Er betreibt seinen Beruf mit Leidenschaft und totaler Hingabe. Die Welt um ihn herum nimmt er nur peripher wahr. Er ist arabischer Israeli, was das Leben für ihn und seine ebenfalls muslimische und arabisch aussehende Frau nicht einfacher macht. Doch er hadert nicht mit seinem Schicksal, sieht er sich doch selbst als einen anständigen und guten Staatsbürger. Er wird mitten in der Nacht unter dem Vorwand, eine hochgestellte Persönlichkeit zu operieren, ins Krankenhaus gerufen. Dort muss er einen Leichnam identifizieren, von dem eigentlich nur noch der Kopf existiert. Es ist seine Ehefrau, die er fern von Tel Aviv bei der Verwandtschaft glaubte und die bei einem Selbstmordattentat inmitten eines Kindergeburtstages zu Tode kam. Der kaum fassbare Schmerz steigert sich bei Amin ins Unermessliche, als ihm der ermittelnde Polizist erklärt, dass Amins Frau Sihem die Attentäterin war.

Die polizeilichen Untersuchungen richten sich nun auch gegen Amin, dessen Leben, so wie er es bisher gelebt hatte, zu Ende ist. Er ist über Nacht zur persona non grata geworden, ein menschlicher Peilsender. Nach nur vier Tagen wird Amin aus der Untersuchungshaft entlassen. Er reist zur arabischen Verwandtschaft seiner Frau, wo sich Sihem über einen längeren Zeitraum immer wieder aufgehalten hat. Mit im Gepäck reist, lautlos und unsichtbar, der israelische Geheimdienst. Bei den Verwandten angekommen, muss Amin feststellen, dass die Verwandtschaft Bescheid wusste, dass Sihem im Ort als Märtyrerin gefeiert wird und dass die nächste Anwärterin auf einen verlängerten Selbstmord bereits auf der Schwelle steht. Die Argumente für den unaufhaltsamen Krieg ähneln sich auf erschütternde Weise auf beiden Seiten der Front und auch die Begründungen für die Notwendigkeiten des tödlichen Kampfes. Amins Argumente, die Waffen beiseite zu legen und zu reden, verhallen ohne Echo. Am Ende kommt, was gängige Praxis der Israelis ist, wenn sie den Feind einmal geortet haben. Sie töten mittels Raketen.

So absurd der Konflikt zwischen Israel und Palästina auch anmutet, so zwingend scheint die innere Logik des Tötens zu sein. Auge um Auge. Und es gibt scheinbar keinen Ausweg. Es war nicht das Anliegen Amir Reza Koohestanis, der nach „Der Fall Meursault – Eine Gegendarstellung“ mit der Adaption des gleichnamigen Romans des algerischen Autors Yasmina Khadra, erschienen 2005, sein zweites Theaterprojekt an den Münchner Kammerspielen realisierte, den Jahrhundertkonflikt zu lösen. Vielmehr ging es ihm darum, „einen Beitrag zur Europäischen Wahrnehmung dieser Region“, gemeint ist der Nahe und Mittlere Osten, zu leisten. Tatsächlich aber wurde in der zweistündigen Inszenierung nichts offenbar, was der interessierte Zeitgenosse nicht schon gewusst haben könnte. Wenn etwas neu und überraschend war an der Inszenierung, dann die Tatsache, dass die Existenz weiblicher Attentäterinnen Ausdruck für eine Form des Feminismus ist. Und diese Tatsache scheint ernsthaft diskussionswürdig zu sein: Weibliche Selbstmordattentäterinnen als Opponentinnen in einer patriarchalischen Gesellschaft. Quasi das letzte Aufbegehren. Es könnte natürlich auch andere Gründe geben. Erwägt wird auch romantische Liebe zu einem Mudschahed, “die Frauen in den ‚altruistischen Suizid‘ treiben“. Wichtig ist vor allem, dass wir verstehen lernen.

  Die Attentaeterin  
 

Lena Hilsdorf, Benjamin Radjaipour, Thomas Wodianka, Samouil Stoyanov, Clara Liepsch

© Judith Buss 2018

 

Dieses Denken ist einigermaßen zynisch und zeugt von einem intellektuellen Hochmut. Statt alle Energien darauf zu verwenden, diesem Wahnsinn ein Ende zu bereiten, verwenden wir unsere intellektuelle Neugier darauf, es zu verstehen. Allerdings nicht, um die Ursachen zu ergründen und den Konflikt zu beenden, sondern um anspruchs- und bedeutungsvoll darüber reden zu können. Was sonst könnte Regisseur Amir Reza Koohestani meinen, wenn er freimütig gesteht: „Das Wunderschöne der zeitgenössischen Kunst ist, dass der Künstler genauso verwirrt ist wie das Publikum. Ich bin ebenso verwirrt wie mein Publikum.“ (Programmheft S.16) Es erstaunt schon, wenn der Künstler sich als Diskursant bescheidet und bewusst darauf verzichtet, zu mobilisieren, konkret adressierte Kritik zu üben oder gar zum (gewaltfreien) Kampf aufzustacheln. Genau diese durchschlagende Wirkungslosigkeit scheint in den Kammerspielen programmatisch zu sein. In den USA, wir geben uns so gern internationalistisch, nennt man das: paralysis by analysis. Immerhin, wir bleiben up to date, denn wir reden darüber.

Amir Reza Koohestani brachte immerhin Rollentheater auf die Bühne, was an den Kammerspielen ja inzwischen neben Diskurskultur, Party und Performance eher die Ausnahme ist. Die Bühne von Mitra Nadjmabadi verfügte über einen großen, drehbaren Tisch mit Bänken. Das Mobiliar war so neutral gehalten, dass es sowohl Krankenhauskantine, Villa am Meer oder auch das Haus von Sihems Familie sein konnte. Flankiert waren die Möbel von zwei fest installierten Kameratürmen, von denen sich einer fernbedient bewegen konnte. Damit war der Überwachungsstaat Israel hinreichend beschrieben. Koohestani setzte die Kameras ein, um die Gesichter der Darsteller auf die große weiße Wand im Bühnenhintergrund zu beamen. Die dargestellten psychischen Zustände der Figuren wurden so überdeutlich. Wie schon in seiner ersten Arbeit  „Der Fall Meursault – Eine Gegendarstellung“ besetzte er eine tragende Rolle, nämlich die der Ehefrau Sihem mit Mahin Sadri. Sie trat erst nach dem Ableben Sihems auf und erklärte sich und ihre Tat. Das geschah sanft deklamatorisch und auf Farsi, was sehr melodiös und poetisch klang.

Die überzeugendste schauspielerische Leistung indes lieferte Maja Beckmann als Freundin Kim und als Amins Schwester Leila ab. Allerdings hatte die Regie es kaum vermocht, die beiden Frauen deutlich differenziert anzulegen. Ungeachtet dessen überzeugte Maja Beckmann mit Präzision und Präsenz. Ebenso machte es Freude, Samouil Stoyanov als Kommissar Moshe und auch als Amins Schwager Yasser zu erleben. Stoyanovs Gestaltung wohnt stets eine unfreiwillige Komik inne, die Schmunzeln lässt, die Figur aber nicht beschädigt oder denunziert. Während Thomas Wodianka in der Rolle des Amin nicht immer den Ton traf und gelegentlich seinem eigenen seelischen Leiden hinterher hechelte, überzeugte Benjamin Radjaipour durch eine klar differenzierte und grundverschiedene Gestaltung seiner Rollen als Naveed, Amins Freund und als Amins Neffe.

Der Geschichte spürte man ihre Herkunft aus der Prosa durchaus an, obgleich Amir Reza Koohestani konsequent eine dramatische Struktur geschaffen hatte. Das ohnmächtige Ringen um Verständnis für die Tat gerann zu einem argumentativen Austausch, bei denen jedoch keine Schläge spürbar wurden, obgleich es um Leben und Tod ging. So wurde die Inszenierung durch das Entsetzliche des Inhalts vorangebracht, nicht aber durch den Konflikt, der daraus resultierte. Eine Erlösung gab es nicht und der Plot am Ende war vorhersehbar. Spätestens als das Handy Amins eingeschaltet wurde, um Musik abzuspielen, konnte man sich auf den Knall vorbereiten. So fühlten sich die zwei Stunden Spieldauer auch mindestens wie zwei Stunden an.

 

Wolf Banitzki

 


Die Attentäterin

In einer Fassung von Amir Reza Koohestani
Nach dem Roman von Yasmina Khadra

Maja Beckmann, Walter Hess, Lena Hilsdorf, Clara Liepsch, Benjamin Radjaipour, Mahin Sadri, Samouil Stoyanov, Thomas Wodianka

Inszenierung: Amir Reza Koohestani

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