Marstall  Kreise/Visionen  von Joël Pommerat


 

Das Leben ein Spiel

Die Welt ist keine Scheibe, auch keine Kugel, sondern eine quadratische, schneeweiße Bühne. In der Mitte befand sich ein kleines rundes Loch und wer dort hineinschaute, dessen Bild erschien am Himmel, der ebenfalls eine quadratische von innen her leuchtende Bühne war. Das Leben, ein Spiel. 700 Jahre wurden überflogen. Am Anfang stand ein Ritter, der seine Daseinsberechtigung durch einen Erlass, der Geld zum Äquivalent aller Dinge und Taten erhob, abgeschafft sah. Ein Ritter handelt für Ehre, Glaube und Ruhm, nicht für schnödes Geld. Ein anderer Mensch hatte viel Geld, aber einen kranken Sohn. Der Versuch, ein Implantat für den totkranken Filius bei Menschen zu erwerben, die gar nichts mehr haben außer ihren Organen, ging in beißender Lächerlichkeit unter. Zwei Paare hatten sich in einem Wald verlaufen, dort hörten sie das Schreien eines Säuglings, sie, die Kinder verabscheuten. Doch nachdem sie sechs Tage lang im Wald herumgeirrt waren, erschien der Frau ein Kind wie eine Option auf ein besseres Leben. Einem anderen Mann versprachen zwei obdachlose Frauen im Tausch gegen Zärtlichkeit und Sex einen ungeahnten beruflichen Aufstieg. Der fand tatsächlich statt, denn die Vorgesetzten starben, als griffe hier das „Gesetz der Serie“. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs machte ein opiumschwangerer Adeliger seinem Lakaien ein unanständiges sexuelles Angebot, doch der wollte viel lieber in den Krieg ziehen und musste mit großem Bedauern ablehnen. Eine andere Adelsfamilie stellte ein Dezennium zuvor ihrer entsetzten Dienerschaft Arbeitsverträge in Aussicht und löst somit alle menschlichen Bande, die über die Jahre gewachsen waren. Und ein eloquenter Vertreter versuchte einer zutiefst depressiven Frau eine „Universalbibel zum Erfolg“ zu verkaufen. Ohne Erfolg.

Der französischer Theatermacher Joël Pommerat entwickelte die lose, aus 20 Szenen bestehende Dramenfolge, die insgesamt 64 Figuren beinhaltet, mit seiner Theatercompagnie  „Louis Brouillard“. Die einzelnen Szenen schienen kaum miteinander in Bezug zu stehen, werden zudem sehr sprunghaft erzählt und fügen sich letztlich auch nicht zu einem deutlichen Mosaik zusammen. Doch jede Szene für sich bewegte, und jede tat das auf besondere Weise. In der Inszenierung  von Tina Lanik im Marstall wurde die (Welt-)Bühne von acht Clowns bevölkert, sämtlich in einheitlichen lilafarbenen Livreen gekleidet. Auf den Köpfen trugen sie die hinlänglich bekannten Gummiglatzen mit langem weißem Haarkranz. (Bühne und Kostüme Stefan Hageneier) Ein (ständig wechselnder) Moderator führte in jede Szene ein, benannte Zeit, Ort und handelnde Personen. Wenn ein Darsteller zur agierenden Person, zum eigenständigen Charakter wurde, nahm er kurzerhand die Gummiglatze vom Kopf und somit individuelle Gestalt an. Der Wechsel zwischen Clownsgesicht und Rollenantlitz war ein gelungenes Wechselspiel zwischen narrativer und spielerischer Entäußerung. Die Ästhetik schlug in den Bann und trug leicht und sicher über die anfängliche Ratlosigkeit, die sich angesichts der schwer fassbaren Fragmente einstellte. Die Faszination wuchs mit jeder erzählerischen Stufe. Die ausgefeilten inszenatorischen Einfälle der Regie taten ein Übriges.

  Kreise Visionen  
 

 Beatrix Doderer, Michele Cuciuffo, Anna Graenzer, Thomas Huber, Till Firit, Cynthia Micas, Hannes Hellman

© Konrad Fersterer

 

Nun genießt man am Residenztheater ja gemeinhin und allzu gern auch immer das besondere Spiel der einzelnen großartigen Schauspieler. Die Möglichkeit war in dieser Inszenierung bisweilen stark eingeschränkt, denn im gleichen Kostüm und stark gezeichneter Maske war die Unterscheidung nicht immer einfach und auch nicht gewollt. Dennoch blieb der Genuss für das Publikum nicht aus. Darsteller wie Michele Cuciuffo, Beatrix Doderer, René Dumont, Till Firit oder Anna Graenzer verstehen es in beinahe jeder Situation, eigene und unverwechselbare Akzente zu setzen. René Dumont begleitete das Spiel zudem auf einer kleinen Ukulele. Die musikalischen Kommentare waren gleichermaßen komisch wie auch tiefsinnig und kontrastierend.

Tina Lanik hatte für ihre Inszenierung beeindruckende Gäste mitgebracht. So gab Hannes Hellmann, der bis 2005 an den Münchner Kammerspielen engagiert war, ein eindrucksvolles Gastspiel. Seine physische, wie stimmliche Präsenz war allemal sehens- und hörenswert. Neben Thomas Huber (Schauspiel Frankfurt) vervollkommnete Cynthia Micas (z.Z. am Berliner Maxim Gorki Theater) das spannende und phantasievolle Spiel um ein großes Thema. Das war nämlich die selbstgewählte oder durch andere verursachte Vereinzelung, die gesellschaftliche Isolation des Menschen durch Individualismus, Egoismus und Machtmissbrauch. Werteverfall und Verlust von humanistischen Idealen gehen einher mit Karrierismus und menschlicher Verrohung.

Die Inszenierung „Kreise/Visionen“ erzählt davon auf ganz besondere Weise. So ausgefeilt, so seltsam und bemerkenswert wie die Geschichten erzählt wurden, so kongenial war die ästhetische Umsetzung auf der Bühne. Es war nicht nur ein wundervoller Einfall, diesen Theaterabend zu einer clownesken Revue zu machen, es war gleichsam ein sicherer Weg, die „unwahrscheinlichen und schräg anmutenenden Geschichten“ (Joël Pommerat) zu einer gesellschaftliche Realität zu erklären, die wir schwerlich leugnen können. Alles in allem: ein gelungener, unterhaltsamer, spannender und sehr sehenswerter Theaterabend.

Wolf Banitzki

 


Kreise/Visionen

von Joël Pommerat
Deutsch von Gerhard Willert

Michele Cuciuffo, Beatrix Doderer, René Dumont, Till Firit, Anna Graenzer, Hannes Hellmann, Thomas Huber, Cynthia Micas

Regie: Tina Lanik

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