Residenztheater Ein Volksfeind von Henrik Ibsen


 

Theater als Labor

Eine der bitteren Erkenntnisse aus der Menschheitsgeschichte ist die Einsicht, dass Ideale nicht alltagstauglich sind. Sie sind es nicht, weil der Mensch selbst letztendlich an seinen Idealen scheitert, zumeist aus egoistischen pekuniären Gründen. Das nennt man auch Verkauf der Ideale. Tomas Stockmann, Badearzt in einem südnorwegischen Kurort, er hat den Ort mit seinem Kampf für ein Kurbad auch gegen die Altvorderen oder auch gegen die Besitzer (Hauseigentümer) erst zu dem gemacht, was es nun ist, ist ein solcher Idealist. Schon die Errichtung des Kurbades wurde gegen seine Pläne boykottiert. Stockmanns Argumente fanden kein Gehör. Jetzt, wo das Bad endlich gute Gewinne abwirft, muss Tomas Stockmann feststellen, dass das Bad kein Gesundbrunnen, sondern eine toxische Jauchegrube ist. Ein wissenschaftliches Gutachten hat seine Vermutungen bestätigt.

Augenblicklich will er damit an die Öffentlichkeit gehen und findet in den Redakteuren des „Volksboten“ aber auch in einigen Bürgern willige Unterstützer. Als aber die (finanziellen) Konsequenzen ruchbar werden, schlägt die Stimmung um. Stockmann wird vom eigenen Bruder, dem Bürgermeister, zum Volksfeind abgestempelt. Alle wenden sich letztlich von Stockmann ab und er und sein letzter verbliebener Verbündeter, der Kapitän Horster, verlieren über Nacht ihre existenziellen Grundlagen. Die Perfidie erfährt ihren Höhepunkt, als Gerbermeister Morten Kiil, Pflegevater von Stockmanns Ehefrau Katrine, deren Altersversorgung erpresserisch zur Disposition stellt. Zuletzt bleibt der Satz Stockmanns im Raum stehen, er sei der stärkste Mann, weil er nun alleine sei. Die bürgerliche Gesellschaft hat sich wieder einmal als übermächtig und gnadenlos erwiesen gegen einen Idealisten, der mit seinen menschlichen Idealen und Ideen die Geldbeutel bedroht.

Ibsen, der als Kind selbst einen finanziellen Ruin und den damit verbundenen familiären Abstieg in die unterste gesellschaftliche Schicht miterleben musste, war dennoch kein politischer Dramatiker, sondern eher ein philosophischer, dessen Werk zeitlos war und ist. Das bewies auch die Inszenierung von Mateja Koležnik am Münchner Residenztheater. Ihre sprachlich stark verschlankte Lesart zauberte die Wesensmerkmale der Protagonisten an die Oberfläche und der Betrachter kam nicht umhin, reale Politik überdeutlich wahrzunehmen. Dabei wurde auch eine neue Qualität der Rezeption deutlich, eine, die zu verstehen gab, dass die Grundlagen des heutigen Bewusstseins inzwischen schwankend sind. Wenn Stockmann behauptet: „Der gefährlichste Feind der Wahrheit und der Freiheit – das ist bei uns die kompakte Majorität. Jawohl, die verdammte, kompakte, liberale Majorität – die ist es!“ bricht ein Sturm der Entrüstung los und der Redakteur Hovstad entgegnet: „Die Mehrheit hat immer das Recht auf ihrer Seite.“ Redaktionskollege Billing beeilt sich, zu ergänzen: „Und die Wahrheit auch, Gott verdamm mich!“ Doch Stockmann bleibt unbeirrt: „Ich denke, wir sind uns einig, dass auf der ganzen weiten Erde die Dummen über die Klugen herrschen!“ Es ist noch nicht lange her, da galt dieser Satz Stockmanns als Ausdruck seiner idealistischen Hybris, seiner intellektuellen Arroganz. Es war politisch nicht korrekt. Und darum nahm man die Figur des Badearztes Stockmann als ambivalent.

  Volksfeind  
 

Thomas Schmauser (Tomas Stockmann)

© Matthias Horn

 

Doch die Welt hat sich geändert. In Italien werden Rufe nach einem starken Mann mit den Ideen eines Mussolinis laut. In Polen regiert eine Bauernpartei und baut Demokratie und Vernunft mit der Abrissbirne ab. In Ungarn gibt ein Präsident die Figur des fleischgewordenen nationalistischen Egoismus. Und die USA wird von einem augenscheinlich Schwachsinnigen regiert, der sich einen Satz wie „Ich höre euch zu.“ auf einen Spickzettel schreiben muss. Wie liest sich nun der Satz von Stockmann vor diesem Hintergrund? Doch wohl mehr als ein verzweifelter Aufschrei, denn als Ausdruck von Arroganz. Also, sollten wir eine Diktatur der Vernunft, der Intelligenz, der Gutmenschen fordern? Nein, gewiss nicht, denn die Idee scheitert bereits im Ansatz. Zweckfreie Vernunft steht praktischer Politik als Gegenpol gegenüber und ist unvereinbar.

Aber es sollte nachdenklich machen, wohin die Vernachlässigung von Bildung oder die Metamorphose von mündigen Staatsbürgern zu willigen, kritiklosen Konsumenten führt. Jedenfalls nicht zu einer mündigen Vernunft. Das wird momentan ganz besonders deutlich, wenn die Bundesregierung Dieselfahrer zutiefst zynisch und verächtlich behandelt. Nachdem ein Clique von geldgierigen, kriminellen Konzernmanagern dem har tarbeitenden Bürger Autos verkauft hat, in denen nicht drin war was drauf stand, aufflog, beeilte sich der hart arbeitende Bürger, sich schleunigst neue Autos zu kaufen, um auch weiterhin zu seiner Arbeitsstelle fahren zu können, was den geldgierigen, kriminellen Konzernmanagern traumhafte Absatzzahlen bescherte. Doch anstatt dem Bürger zu seinem Recht zu verhelfen, nämlich das zu bekommen, wofür er gezahlt haben, lässt die Regierung das oberste Gericht (und somit Hort der obersten Vernunft) darüber beraten, ob es rechtens sei, den hart arbeitenden Bürgern das Fahren mit ihren teuer gekauften Autos zu verbieten.

Das wichtigste Argument dafür ist der Umweltschutz und die gesundheitliche Belastung der Menschen. In diesen Momenten spricht die Politik immer auffällig von Menschen und weniger von Bürgern. Wäre es indes nicht besser gewesen, der Umweltschutz hätte in den obersten Konzernetagen begonnen? Stockmann sagt dazu: „Diese Sorte Menschen liegen mir schon lange im Magen. Sie sind wie Ziegenböcke in einer jungen Anpflanzung. Überall richten sie Unheil an. Einem freien Menschen stehen sie auf Schritt und Tritt im Wege – und am liebsten sähe ich, man könnte sie ausrotten wie schädliche Tiere!“ Soviel zur politischen Aktualität des Stückes und der Inszenierung.

Regisseurin Mateja Koležnik ist in München inzwischen auch für ihre artifiziellen Ansätze bekannt. So ließ sie sich von Raimund Orfeo Voigt einen hermetisch abgeschlossenen gläsernen Quader auf die Drehbühne stellen, aus dem das gesprochene Wort über die Tonanlage des Theaters übertragen wurde. Es war also eine geschlossene Gesellschaft, gleichsam eine Laboranordnung, aus der niemand herauskam und in die man nicht eindringen konnte. In dem von innen beleuchteten Quader befand sich mittig ein kleinerer anthrazitfarbener Quader, der mit drei Türen versehen war. Er stellte die jeweiligen Gebäude dar. Gespielt wurde auf engstem Raum, ein physischer Ausbruch war gleichbedeutend mit einer Krisensituation, denn ein Ausweichen war nicht möglich. Sämtliche Kostüme waren entweder schwarz oder in variierenden Grautönen gehalten. Kostümbildner Alan Hranitelj bediente dabei die Mode der Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert, der Schaffenszeit Ibsens.

Diese Ästhetik und die Reduktion auf das (Theater-) Labor und die minimalistische, kaum raumgreifende Spielweise waren durchaus sehenswert; sie warfen allerdings auch Fragen auf. Wie bereits angedeutet, transportierte die Inszenierung und vor allem die druckvolle und im Habitus sehr heutig anmutende Spielweise Thomas Schmausers als Stockmann eine erschreckende Modernität. Warum also agieren die Darsteller wie Laborratten, obgleich sie doch auf überzeugendste Weise Zeitgenossen sein könnten? Ist es nicht halbherzig, die Wucht der Idee im Weckglas zu belassen, als mit ihr die vierte Wand niederzureißen? Sollte Mateja Koležnik die Befürchtung gehabt haben, damit eine Revolte oder gar eine Revolution auszulösen, kann ihr getrost versichert werden, nicht in München!

Über die einzelnen schauspielerischen Leistungen lässt sich von Seiten der Kritik (also von Wolf Banitzki) kaum etwas sagen, denn aus der letzten Reihe auf dem Balkon blieben die Darsteller weitestgehend unkenntlich und schemenhaft. Die Bewegungsalgorithmen im Brutkasten der bürgerlichen Gesellschaft verrieten immerhin einen gelungenen Plan. Es war eine sehr interessante Inszenierung, deren Wirkung indes keine eruptiven gesellschaftlichen Dimensionen annahmen, sondern im Maßstab einer Versuchsanordnung verblieben.

Wolf Banitzki

 


Ein Volksfeind

von Henrik Ibsen

Thomas Schmauser, Katharina Pichler, Lilith Häßle, Thomas Huber, Paul Wolff-Plottegg Morten Kiil, Till Firit, Thomas Lettow, Bijan Zamani, Thomas Gräßle

Regie: Mateja Koležnik

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok Ablehnen