Theater Viel Lärm um Nichts  FeierAbend! von Margit Carls


 

Dämmerung im Abendland

Das Modell „Erwerbsarbeit“ ist ein Auslaufmodell, soviel ist mal sicher. Nur noch 20% sind im Wert schaffenden Bereich tätig! Die voranschreitende Automatisierung und Digitalisierung setzt immer mehr Arbeitnehmer frei. Haben sie halt Freizeit, sagte dereinst Keynes, und das Wachstum endet. Die Welt ist (zumindest für uns scheinbar) behaglich eingerichtet. Keynes´ Voraussage, dass die Arbeitszeit mit dem Einkommenszuwachs abnehmen werde, da der Mensch seine Bedürfnisse mit dem erzielten Einkommen befriedigen könne, ist schlichtweg Unsinn. Keynes hatte einen wesentlichen Faktor übersehen, nämlich die Gier. Es reicht die Gier einiger weniger, um die Welt aus dem Lot zu bringen, und den Kreislauf „Wachstum“ am Leben zu erhalten. (Gandhi) Gier kennt keine Grenzen und schon gar keine Skrupel. Inzwischen erscheint das Modell „Erwerbsarbeit“ zivilisiert und in einem recht angenehmen Licht. Doch das Wesen von „Erwerbsarbeit“ hat sich keinen Deut verändert. Der „doppelt freie Lohnarbeiter“ (frei von Besitz an Produktionsmitteln und frei von Mitteln zum Lebenserhalt) muss sich selbst, also seine Arbeitskraft auf den Markt tragen und verkaufen. Der Unternehmer reklamiert hernach den Großteil des Ertrags für sich, da er die in seinem Besitz befindlichen Produktionsmittel zur Verfügung stellt. Genau genommen ist das eine Form von Erpressung des Schwächeren durch den (vermeintlich) Stärkeren. Das ist das Wesen von „Erwerbsarbeit“.

Dank eines jahrhundertelangen Arbeitskampfes erscheint die Gesellschaft heute als zivilisiert und die Arbeit als gerecht und zumutbar. Doch spätestens, wenn man sich die Verteilung des Ertrages anschaut, wird deutlich, dass es sich nach wie vor um Ausbeutung handelt, in der 90 % der Arbeitnehmer ausgebeutet werden (selbst die mit sehr gutem Einkommen) und 10 % Unternehmer und Besitzer ausbeuten, eine kleine Schicht, die mehr als 50 % allen Weltbesitzes ihr Eigentum nennt. Ein grundlegendes Gesetz ist dem Kapitalismus immanent: Reichtum ist ohne Armut nicht möglich. Geld verliert an Wert, wenn genug davon da ist. Arbeitslosigkeit, Mangel und existenzielle Nöte sind notwendig, um das kapitalistische System stabil zu halten. Zyniker (Auch Freie Liberale genannt!) sagen dazu: Das regelt der Markt, der nach Angebot und Nachfrage funktioniert.

Die Politik, verzweifelt angerufen vom verunsicherten Bürger, ist dabei kein taugliches Regulativ, denn sie ist „das Machtinstrument der herrschenden Klasse“. (Karl Marx) Es ist aber auch eine Gesetzmäßigkeit, dass, wenn zu viel an materiellem Besitz und an Produktionsmitteln in zu wenigen Händen ist, die Verelendung (nicht nur die materielle, sondern vornehmlich die geistige und moralische) nicht mehr zu stoppen ist, das System sich auflöst und im Chaos auseinanderbricht. Selten ist die Rolle der Politik so peinlich deutlich geworden wie im Moment am Verhältnis der deutschen Regierung zur Automobilindustrie. Das ganze Dilemma ist eigentlich vergleichbar mit dem Klimawandel. Wenn der point of no return  überschritten ist, dann ist Party! Also FeierAbend! So das Motto der satirisch-musikalischen Revue von Margit Carls/Andreas Seyferth im „Theater Viel Lärm um Nichts“ in der Pasinger Fabrik. Also lasst uns feiern! Eine der Grundeigenschaften unserer schönen neoliberalen Welt ist das positive Lebensgefühl. Wer nicht gut drauf ist, ist verdächtig und wer finanziell nicht mithalten kann, wird unsichtbar.

Echter Spaß will indes nicht aufkommen, insbesondere wenn die (exemplarischen) vier Arbeitnehmer aufs Karussell müssen zu „Wir machen eine Reise nach Jerusalem“. „Hire and fire“ ist nach wie vor die Regel, auch wenn Tarifabschlüsse und halbherzige Gesetze zu Gunsten der Arbeitnehmer dies zu verschleiern suchen… Ursachenforschung wird betrieben und die Entstehung von „Erwerbsarbeit“ beleuchtet, die mit der Verarmung der Bauern und die massenhafte Abwanderung in die Städte begann. Industriebetriebe schossen im 18. und 19. Jahrhundert wie Pilze aus dem von Adam Smith und David Ricardo mit ökonomischen Theorien gedüngten Boden, in denen unsägliche Ausbeutung auch und vor allen von Frauen und Kindern stattfand. Videoprojektionen illustrierten diese Fakten schlaglichtartig.

Maria Maschenkas Exkurs über die Arbeit wird mit der Zunge einer Chinesin gesprochen, fächerwedelnd und begleitet von der Unfähigkeit, den Buchstaben R zu sprechen. Es ist nicht einfach, dem zu folgen, denn das Gehirn muss sich erst daran gewöhnen manche L´s in R´s zu übersetzen. Sinn macht es allemal, denn langsam aber sicher kolonisiert die Volksrepublik China die Privatwirtschaften der ganzen Welt. Aber ein noch erstaunlicheres Phänomen geht mit dieser Tatsache einher. Vorgebliche Kommunisten erweisen sich als die gnadenlosesten Kapitalisten, die alteingesessene Kapitalisten mit ihren eigenen Waffen schlagen. Schon Lenin erkannte, dass den Kommunismus nur die Kommunisten verhindern könnten. Gratulation, sie haben es geschafft. Bei den Chinesen reicht es, die Zahl der Milliardäre und Millionäre im Chinesischen Volkskongress zu betrachten, um zu begreifen, dass von diesem Land schon längst keine „kommunistische Gefahr“ mehr ausgeht.

Die satirische Kritik beackert viele Felder, z.B. Religion und die wechselnden Götter. Einer heißt „Digital“. Auch dieser Gott wird enttäuschen, wie alle anderen vorher. Das Bemühen, die Menschheit in Kains und Abels aufzuteilen, das als natürliche Ordnung festzuschreiben und damit die Gewalt zu legitimieren, ist allgegenwärtig. Die Welt hat zu stark in der Illusion geschwebt, wir seien dem Humanismus schon sehr nahe. Wie schnell derartige Positionen sich in Luft auflösen, zeigen die politischen Entwicklungen weltweit. Tyrannen, Potentaten und Diktatoren verkaufen sich als Heilsbringer, mimen die großen Zampanos und erfahren so viel Zuspruch, dass man guten Grund hat, am Verstand der Menschheit zu zweifeln. Demagogie ist ebenso ein Thema, denn sie ist allgegenwärtig. Philipp Weiche zeigte das am Beispiel eines Motivationstrainers. Es ist ein gewaltiges Geschäftsfeld, auf dem enorme Gewinne generiert werden. Die meisten „Produkte“ sind dabei komplett schwachsinnig und man kann nur staunen, dass Menschen dafür ihr in der „Erwerbsarbeit“ hart verdientes Geld ausgeben. Putzig hingegen sind Szenen, in denen Stefanie Dischinger und Melda Hazirci die Probleme als Kleinkinder angehen. Es sind mitunter naiv-kindliche Fragen, die uns die Absurdität der Realität auf verblüffende Weise nahe bringen.

Die Macher versprechen, ihre Überlegungen „in einem bunten Mix theatralisch ‚Revue‘ passieren“ zu lassen. Dabei kommen „erschröckliche Moritaten, Lieder, Sketche – Spaßiges, Trauriges, Gepfeffertes, Absurdes“ vor das Angesicht und zu Gehör. Der Zuschauer sollte dennoch kein lustiges Kabarett erwarten, denn allzu ernst ist mancher Gedanke vor dem Hintergrund „15 Jahre Agenda 2010“, dem größten Sozialabbau nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland. Sie hat viele Mitmenschen in prekäre Lebenssituationen gebracht, denen sie durch vermehrte „Erwerbstätigkeit“ zu entrinnen versuchen und dabei auf das wohl Wichtigste überhaupt verzichten: auf ihr Leben. Es ist definitiv ein zu großes Thema für eine abendliche Revue, dennoch werden „Finger in Wunden“ gelegt und Denkanstöße gegeben, zumeist auf lustige oder komische Weise. Der Livesound von Kai Taschner trug viele Szenen auf ästhetisch stimmige Weise, betonte Wesentliches und forcierte auch Bauchgefühle, auf die nicht verzichtet werden sollten. Das war eine wichtige Qualität des Abends, denn üblicherweise möchte man im Theater eigentlich nicht von seinen Alltagssorgen eingeholt werden. Ein mutiges Projekt und notwendig zugleich. Das Premierenpublikum sah das ebenso.

Wolf Banitzki

 


FeierAbend!  Uraufführung
Eine satirisch-musikalische Revue in Zeiten des Umbruchs 'Weiter so'

von Margit Carls

Maria Maschenka, Philipp Weiche, Stefanie Dischinger, Melda Hazirci
Klangkonzept und Livesound Kai Taschner

Regie Andreas Seyferth

Theater Viel Lärm un Nichts  Das letzte Band von Samuel Beckett


 

Theater total

1958 traf Samuel Beckett in der BBC anlässlich der Erstausstrahlung von „All that fall“ den irischstämmigen Schauspieler Patrick Magee. Magee war ein Mann von ungestümem Wesen, der einem guten Whiskey, wie auch Beckett, nie abhold war. Beckett steckte zu dieser Zeit in einer tiefen Depression, schlug sich mit Krankheiten herum und wurde von Verlegern bedrängt, die auf einen neuen Roman warteten. Beckett zweifelte indes, ob ihm je wieder eine Prosaarbeit gelingen würde. Magee in seiner energiegeladenen Quirligkeit machte auf Beckett einen so mitreißenden Eindruck, dass er seine Antriebslosigkeit augenblicklich vergaß und ein weiteres Hörspiel plante. Heraus kam „Krapp’s last tape“, ein Theaterstück. Tatsächlich spielte Patrick Magee den Krapp in der Uraufführung und Beckett konstatierte erstaunt, dass es genau die Stimme war, die er im Innern beim Schreiben immer gehört hatte.


Vielleicht ist es der Entstehungsgeschichte zu danken, den menschlichen Anstößen, die dazu führte, dass der am meisten autobiografische Text, fern vom Intellektualismus von „Fin de Partie“ (Endspiel), entstand. Beckett stellte sich in diesem Text seiner eigenen Person. Doch dabei nicht mehr so erbarmungslos verloren in Schmerz und seelischer Erschöpfung wie in seinen Romanen. Jede Erwähnung, jeder Satzteil findet seine Entsprechung im Leben Becketts. Einen Großteil der Energien beim Schreiben des elfseitigen Textes (Suhrkamp Taschenbuchausgabe) verwandte der Autor immerhin darauf, das Autobiografische zu verklausulieren. Krapp, knapp siebzig Jahre alt, ein von äußerer Verwahrlosung und innerer Versandung gezeichneter Schriftsteller mit unbezähmbarem Appetit auf Bananen holt aus seinem Archiv eine Tonbandaufnahme (Schachtel drei, Spule 5), ein Tontagebuch gewissermaßen, um in seine Vergangenheit hinein zu lauschen. Das Tondokument wurde an seinem 39. Geburtstag aufgezeichnet. Das Register gibt Auskunft über den Inhalt: „Mutter endlich in Frieden (…) Das dunkle Dienstmädchen (…) Denkwürdiges Äquinoktium (Tagundnachtgleiche – Anm. W.B.) (…) Abschied von der Liebe.“ Das letzte Ereignis wird sich im Verlauf der Geschichte als das schicksalhafteste entpuppen.


Darin beschreibt Krapp seinen gemeinsamen Urlaub mit einem Mädchen am Meer und einer Bootsfahrt, bei der sich beide körperlich nahe kommen. Krapp verliert sich in der Unendlichkeit ihrer Augen und erlebt den großen Moment seines Lebens. Zugleich beschwört er den endgültigen Abschied: „Ich sagte noch einmal, ich fände es hoffnungslos und verfehlt weiterzumachen, und sie nickte, ohne ihre Augen zu öffnen.“ Die Größe des Augenblicks der Versenkung in ihre Augen beschreibt Krapp rückblickend mit den Worten: „Was für Augen sie hatte! (…) Da lag alles drin, der ganze alte Dreckball, alles Licht und Dunkel, alle Hungersnot und Völlerei der Jahrhunderte!“ Die junge Frau hieß im realen Leben Peggy Sinclair, eine Cousine mütterlicherseits, mit deren Familie Beckett 1929 einen Sommerurlaub an der Ostsee verbrachte. Peggy ermutigte den jungen Samuel Beckett, desgleichen aber auch einige Nebenbuhler. Angestachelt und gleichermaßen verwirrt wurde sie dabei von der tränenreichen Lektüre der „Effie Briest“, die zuletzt wegen ihrer gescheiterten Ehe und einer ausgebrochenen Tuberkulose in den Freitod ging. Ironischer Weise verstarb Peggy selbst nach nicht einmal zwei Jahren an Tuberkulose.


Nach dieser Episode war Becketts Verhältnis zu Frauen eher praktischer Natur. Er betrachtete ihre Notwendigkeit in den physischen Bedürfnissen begründet, weigerte sich aber weitestgehend, Frauen entscheidend an seinem Leben teilhaben zu lassen. Dairdre Bair schrieb in der einzigen von Beckett autorisierten Biografie: „Er glaubte, dass die Liebe, falls es so etwas überhaupt gab, bald der Gleichgültigkeit wich und dass für ihn deshalb Passivität die beste Haltung war. Das verminderte Komplikationen und Gefühlsaufwand.“ Das bezog sich auch auf seine Ehefrau. Nach der schleichenden emotionalen Trennung von ihr bevorzugte er den unproblematischen Umgang mit Prostituierten. Dennoch formulierte er mit sehnsüchtigem Unterton: „Vielleicht sind meine besten Jahre dahin. Da noch eine Aussicht auf Glück bestand. Aber ich wünsche sie nicht zurück. Jetzt nicht mehr, wo dieses Feuer in mir brennt. Nein, ich wünsche sie nicht zurück.“

  Das letzte Band  
 

Andreas Seyferth

 

Mit diesen Worten aus dem Mund von Andreas Seyferth endete die einstündige Inszenierung von „Das letzte Band“ im Theater Viel Lärm um Nichts und es brauchte einige tiefe Atemzüge, um die Faszination abzuschütteln. Es war allerdings keine Premiere im üblichen Sinn, denn diese Inszenierung kam bereits 2001 auf die Bühne. Dass sich die Macher nun dazu entschlossen, diese Inszenierung wieder aus der Versenkung zu holen, kann nur Zuspruch finden. Diese Arbeit ist alterslos und frei von Moden.


Es ist fraglos immer ein Risiko, ein Beckett-Stück auf die Bühne zu bringen, denn diese existenzialistischen Dramen des Absurden, schwer oder manchmal auch kaum verständlich, sind keineswegs abonnementfördernd. Es braucht häufig erst eines Schlüsselerlebnisses, um die Großartigkeit dieser Dramatik zu erkennen und sich von ihr einnehmen zu lassen. Die Inszenierung von Matthias Grundig hat diese Qualität und Andreas Seyferth ist noch einmal wunderbar nachgereift in der Rolle des Krapps. Auch an ihm sind die Jahre nicht ganz spurlos vorüber gegangen (Er mag mir diesen Satz verzeihen.) und so passte er noch perfekter in die Rolle, die Physiognomie eines beinahe Siebzigjährigen vorzustellen.


Doch nicht genug mit der vorzüglichen Äußerlichkeit; kein Dramenautor fordert so strikt Werktreue ein, wie Samuel Beckett. Jeder Versuch, Becketts Dramen umzudeuten, eine neue, von Becketts vorgegebener Ästhetik abweichende zu wählen, ist fast immer zum Scheitern verurteilt. Becketts Vorlagen sind bereits gerahmt und so kompliziert und vielschichtig durchdacht, dass jedes Abweichen das Bild zerstört. Bei Beckett hat man es nicht mit einem Ismus oder einer ästhetischen Strömung zu tun, sondern mit einem vollkommenen Individualstil. Er selbst formulierte es 1973 so: „Mit diesen Grotowskis und Methoden hab ich nichts am Hut. Das bestmögliche Stück ist eines in dem es keine Schauspieler gibt, nur Text. Ich bemühe mich darum, eins zu schreiben.“ Mit „Atem“ (Breath) und „Nicht ich“ (Not I) ist ihm das gänzlich gelungen. In letztgenanntem Stück ist nur noch ein Mund auf der Bühne.


Matthias Grundig hielt sich an (fast) alle Regieanweisungen peinlich genau und Andreas Seyferth sponn langsam und sehr komisch seine Schicksalsfäden. Jeder Ton, jede noch so winzige Geste, jede Mimik hatte Bedeutung und die verschmolzen in- und miteinander. Alle Beckettschen Figuren haben stets auch etwas Clowneskes. So auch Krapp, der über sich selbst sagt: „Hörte mir soeben den albernen Idioten an, für den ich mich vor dreißig Jahren hielt, kaum zu glauben, dass ich je so blöde war.“ Er zelebrierte das Wort „Spuuule“ und verlor sich dabei fast wie ein komplett Debiler. Er wurde immer wieder von seiner Gier nach Bananen übermannt und es war nicht unbedingt sicher, ob es eine höhere Einsicht war, dass er sie nicht aß oder vielleicht nur Vergesslichkeit. Krapp ist ein Mensch, ein erbarmungswürdiges Geschöpf, das sich in seinem Scheitern selbst noch schlüssig erklärt. Krapp ist ein Leben, gelebt, unumkehrbar und randvoll mit absurden Wendungen. Dabei keinesfalls lebensfremd. Wenn überhaupt negative Kritik an der Inszenierung geübt werden kann, dann vielleicht daran, dass Krapps Kostüm die von Beckett geforderte Patina fehlte: „Speckige schwarze Hose, die ihm zu eng und zu kurz ist. Speckige schwarze ärmellose Weste (…) Schmieriges weißes Hemd, am Hals offen, ohne Kragen.“


Die Inszenierung kam dem sehr nahe, was Alec Reid als Definition Beckettschen Theaters formulierte: „Es sind nicht die Worte, die Bewegungen, das visuelle Schauspiel, die einzeln eine solche Wirkung erzielen; es ist die neue Erfahrung, die erst durch ihre Kombination auf der Bühne entsteht. Diesen Vorgang, bei dem Auge, Ohr, Verstand und Gefühl alle gleichbedeutend beteiligt sind, wollen wir totales Theater nennen.“ So und nicht anders sollte Beckett inszeniert und rezipiert werden. Wenn das gelingt, hat der Vorgang Offenbarungscharakter. Der Inszenierung im Theater Viel Lärm um Nichts kann man diese Qualität freudig zugestehen. Grandios wie am ersten Tag vor sechzehn Jahren!


Wer keine Erfahrungen mit experimentellem Theater hat aber aufgeschlossen ist, dem sei diese Inszenierung als Einstiegsdroge wärmstens empfohlen. Für Beckettfans ist sie ein unbedingtes Muss. Sowas gibt es nur einmal im Jahrzehnt. Also, die Jahre nicht verstreichen lassen, denn: „Was ist schon ein Jahr, heutzutage? Bitteres Wiederkäuen und steinharter Stuhl.“ (Krapp)

Wolf Banitzki

 


Das letzte Band

von Samuel Beckett

 Andreas Seyferth

Regie: Matthias Grundig

Theater Viel Lärm um Nichts   Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran  von Eric-Emmanuel Schmitt


 

Religion vs. Religion

Monsieur Ibrahim ist kein Araber, obgleich er dafür gehalten wird in der Pariser Rue Bleue der 60er Jahre. Araber sein bedeutet von 8 bis 24 Uhr seinen Laden geöffnet zu haben, auch am Sonntag. Monsieur Ibrahim stammt vom goldenen Halbmond. Der erstreckt sich von Persien bis Anatolien und war schon zu Zeiten von Monsieur Ibrahim eines der größten Anbaugebiete von Opium. Um es auf den Punkt zu bringen, Monsieur Ibrahim ist Türke. Aber was für seine Identität viel bedeutsamer ist, er ist Moslem. Er trinkt gelegentlich Alkohol und geht ebenfalls zu den Dirnen. Doch das ist von untergeordneter Bedeutung, denn er ist ein Sufi. Spätestens hier bedarf es einiger Erklärungen. Im Stück kam ein bedeutender Sufi zu Wort, in dem eines seiner Gedichte rezitiert wurde: Maulana Dschalal ad-Din, genannt Rumi (1207-1273). Rumi entstammte einem Geschlecht von berühmten Theologen, das bis auf den Kalifen Abu Bakr zurückreicht, den Schwiegervater des Propheten Mohammed. Diese Genealogie hat nicht nur im Islam Tradition, begründet man doch mit ihr stets eine größere und magische Nähe zu Gott.

Es waren vornehmlich seine Gedichte, die ihm ein Überleben im Bewusstsein der Gläubigen sicherte und die Erfindung des bekannten Sufitanzes, der noch heute von Derwischen getanzt wird, indem sie sich unablässig im Kreis drehen. Rumi wurde Sufi, nachdem er im Jahr 1244 in der Stadt Konya, 200 km südlich von Ankara gelegen, den Derwisch Schams-e Tabrizi traf, der mit einer großen Überzeugungskraft ausgestattet war. Ihm verdankte Rumi das tiefe Eindringen in die mystische Welt des Sufismus. Schams-e Tabrizi wurde vermutlich von neidischen und missgünstigen Mitbürgern umgebracht, was Rumi in tiefste Trauer stürzte. Diese Trauer fand Niederschlag in dem bis heute praktizierten Reigentanz und in seinen Gedichten. Rumis Todestag, der 17. Dezember, wird bis heute als „Hochzeitstag“ gefeiert, da Rumi sich durch seinen Tod mit Gott vermählte.

Der Kern seiner Theologie ist der Glaube daran, dass das Universum als harmonisches Ganzes von einer universalen Liebe durchdrungen ist, die alles miteinander verbindet. Wer diese Liebe praktiziert, ist von Gott in den Stand versetzt, seine Mitbürger ebenso zu lieben, wie alles von Gott Geschaffene. Dabei geht es nicht um Verstehen, sondern vielmehr um Versenken, um Gott näher zu sein. Rumi beschrieb das in folgenden Zeilen: „Glaubst du, ich weiß, was ich tue? / Dass ich einen Atemzug lang oder einen halben mir selber angehöre? / Nicht mehr, als eine Feder weiß, was sie schreibt, / oder der Ball vermuten kann, wohin er gleich fliegt.“ Sich Gott durch Liebe zu nähern ist der Weg zur Erfüllung des eigenen Daseins. Das sollte man wissen, um zu verstehen, was es bedeutet, wenn Monsieur Ibrahim sagt: „Ich weiß, was in meinem Koran steht.“ Die Betonung liegt dabei auf „meinem Koran“. Tatsächlich wird aus dem Buch weder zitiert, noch wird es zur Beweisführung herangezogen. Es tut nichts zur Sache.

  Monsieur Ibrahim  
 

Ariya Robat Mili und Titus Horst

 

Als eigentliche „Sache“ des Werkes von Eric-Emmanuel Schmitt aus dem Jahr 2001 ist ein Ausschnitt aus dem Lebensweg des jüdischen Jungen Moses anzusehen, der täglich in Monsieur Ibrahims kleinem Laden einkauft und auch stiehlt, um zu Geld zu kommen, mit dem er zu den Dirnen der Straße geht. Als Moses´ Vater, nachdem ihm der Job gekündigt wurde, verschwindet, findet der Junge in Monsieur Ibrahim nicht nur einen Freund, sondern auch einen Adoptivvater. Moses Mutter verschwand gleich nach der Geburt des Jungen, kehrt aber nach dem Tod des Vaters zurück, um sich um den Jungen zu kümmern. Moses lässt sich allerdings nur noch bedingt auf sie ein. Monsieur Ibrahim steht Moses nun in allen Angelegenheiten des Lebens zur Seite und bringt ihn auf den Pfad der Liebe, mit der sich die Dinge des Lebens leichter und problemloser bewältigen lassen. Als Monsieur Ibrahim auf einer Reise nach Anatolien verunglückt, tritt Moses sein Erbe an, das in allem irdischen Besitz, aber auch in dem Koran Monsieur Ibrahims besteht. Moses tritt an die Stelle des „Arabers“ und wird selbst zum „Araber“, täglich von 8 Uhr bis 24 Uhr geöffnet, auch am Sonntag.

Andreas Wiedermann brachte das Stück mit nicht mehr als drei Darstellern auf die Bühne. Ihm gelang dabei eine schlüssigere Erzählung als beispielsweise der Film, der vornehmlich von der trefflichen Präsenz Omar Sharifs lebt. Die Titelrolle übernahm Titus Horst, zuletzt als „Weltverbesserer“ im gleichnamigen Stück von Thomas Bernhard auf der Bühne des Theaters Viel Lärm um Nichts zu sehen. Titus Horst gab einen knorrigen, in sich gekehrten Monsieur Ibrahim, dem man seine grundgütige und liebevolle Einstellung zum Leben erst auf den zweiten Blick abnahm, diese dann aber auch vorbehaltlos annehmen konnte. Er vermittelte so ein realistischeres Bild vom Leben als der Film, der bisweilen ein wenig märchenhaft und auch kitschig daherkommt. Evelyn Plank fiel die Aufgabe zu, sämtliche Nebenrollen darzustellen. Diese Rollen waren denkbar unterschiedlich, z.B. Brigitte Bardot, ein Polizist oder ein Autohändler. Die naturgemäßen Unterschiede wurden von Evelyn Plank weniger durch kostümische Verwandlung als vielmehr durch Haltung und Habitus realisiert. Es gab daran absolut nichts auszusetzen. Die Rolle des Moses war mit dem jungen Ariya Robat Mili, er ist gebürtiger Iraner und kommt somit aus dem goldenen Halbmond, perfekt besetzt. Man kaufte ihm den Knaben eher ab, als dem Text. Letzterer wurde allerdings auch im Rückblick von dem bereits erwachsenen Moses erzählt.

In intimen Szenen wird die Welt der „kleinen oder normalen Menschen“ beschrieben, deren alltägliches Dasein nicht von den Grundfragen der Philosophie oder der Religion bestimmt werden, sondern vom kleinen Streben nach persönlichem, vielleicht auch nachhaltigem Glück geprägt ist. Und dennoch ist das Anliegen der gelungenen Inszenierung ein größeres. Der Werbetext zum Stück erklärte: „Ein skizzenhafter Gegenentwurf zur hasserfüllten, rachsüchtigen Gedankenwelt islamistischer Fundamentalisten, ein mit zivilisationskritischen Spitzen gespickter Aufruf zur Entdeckung der Langsamkeit, zu Nonkonformismus und Antirassismus, zur Toleranz gegenüber Andersdenkenden, anderen Religionen, anderen Generationen, voller Ernsthaftigkeit, Melancholie und feinem Humor.“ Das Anliegen kann getrost als erreicht gesehen werden, doch bedeutet das nicht, dass das Ergebnis auch von Jedermann als akzeptabel betrachtet werden muss. Der Sufismus, für den das Stück eine Lanze bricht, ist eine zutiefst mystische und der rationalen Vernunft zuwider laufende Religion. Sie erfüllt wie kaum eine andere Religion den Tatbestand, eine Droge, „Opium für das Volk“ zu sein. (Möglicherweise gibt es da ja auch Parallelen zur enormen Drogenproduktion in ihrer Herkunftsregion.)

Eric-Emmanuel Schmitt treibt in seinem Text, wenn es um den Streit der Religionen geht, den Teufel mit dem Belzebub aus. Zugegeben, durchaus mit Witz, wenn er den Religionen Gerüche zuweist. (Weihrauch der Ostkirche, Kerzentalg der katholischen und Fußschweiß dem Islam.) Wo aber bleibt die Vernunft? Der Betrachter wird, auch Dank der überzeugenden Inszenierung, mit einer Existenz des Verzichtes, der Bescheidung, der Demut versöhnt. Soll das wirklich gesellschaftlicher Konsens sein? Oder sollte es nicht ernsthaft darum gehen, das geistige Mittelalter zu überwinden, auf das selbstgeschaffene höhere Wesen zu verzichten und langsam selbst die Verantwortung für unsere Existenz und die Gestaltung derselben zu übernehmen. Den Fundamentalisten wird im öffentlichen Diskurs nicht grundsätzlich ihre wahnhafte Sicht auf die Welt vorgeworfen, sondern es werden viele Energien darauf verwendet, dem Wahnhaften einen guten, einen menschenfreundlichen Hintergrund zu verleihen.

Um es mit Konstantin Wecker zu sagen: „Nur die Götter gehen zu Grunde, wenn wir gottlos sind.“ Oder mit dem Kabarettisten Jochen Malmsheimer, der bemerkte: „Ich bin für Religionsfreiheit, obwohl mir frei von Religionen lieber wäre.“ Religionen waren zu allen Zeiten gut, um vermeintliche Wahrheiten, die selten wahr waren, zu schöpfen, die dem Menschen implantiert wurden und an denen sie geistig und emotional verkrüppelten. Wie wäre es einmal mit Verzicht auf Religion und die direkte Besinnung auf Vernunftgründe. „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ von Eric-Emmanuel Schmitt gäbe es dann vielleicht nicht, was schade wäre, denn der Verzicht auf Gott bedeutet ja nicht Verzicht auf Spiritualität, auf geistige Atmung, und davon gab es genug an diesem Abend.

Wolf Banitzki

 


Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran

von Eric-Emmanuel Schmitt

Evelyn Plank, Titus Horst und Ariya Robat Mili

Regie: Andreas Wiedermann

Theater Viel Lärm um Nichts  Die Irre von Chaillot von Jean Giraudoux


 

Melancholischer Abgesang zum Jahresende

Zu allen Zeiten, selbst in den schlimmsten, gab es Menschen, deren Vernunft so rein war wie Diamanten, deren Moral so unerschütterlich wie ein Fels und deren Intelligenz so scharf wie ein Rasiermesser war. Diese Menschen waren immer die Samen für eine gute Welt, die dereinst kommen wird! Und wer da sagt, das stimmt nicht, ist kleinmütig und verzagt. … Cut! Schluss mit Pathos. Zurück zur Realität. Zurück zur ruchlosen Denkungsart, wie Schopenhauer den Optimismus nennt. Seinen Argumenten kann man sich nur schwer entziehen: „Und dieser Welt, diesem Tummelplatz gequälter und geängstigter Wesen, welche nur dadurch bestehen können, dass eines das andere verzehrt, wo daher jedes reißende Tier das lebendige Grab tausend anderer und seine Selbsterhaltung eine Kette von Martertoden ist, ... dieser Welt hat man das System des Optimismus anpassen und sie uns als die beste unter den möglichen andemonstrieren wollen. Die Absurdität ist schreiend.“

In einer wohl ähnlichen Situation befand sich Jean Giraudoux (1882 - 1944), ein Mann von höchsten Tugenden, den eingangs beschriebenen Menschen durchaus ähnlich, der die Franzosen die Poesie und die Deutschen die Vernunft lehren wollte, als er sein Stück „Die Irre von Chaillot“ (La Folle de Chaillot) schrieb. Durch die deutschen Besatzer, keinem Volk fühlte er sich mehr verbunden als dem deutschen, in die innere Immigration genötigt, musste er erleben, wie Kriegsgewinnler, Spekulanten und Verbrecher aller Couleur an die Oberfläche gespült in einer Ochlokratie, den Ausverkauf aller Werte, der materiellen und der kulturellen, betrieben.

Zuerst verschwindet neben der Wahrheit auch die Schönheit. Letztere zurück zu erobern, ist das Anliegen der in die Jahre gekommenen „Gräfin“ Aurélie, genannt die Irre von Chaillot. Wenn Margit Carls als Aurélie die ganze Mischpoke aus Börsenspekulanten, Schiebern und Politikern auf eine todbringende Reise in die Pariser Kloake schickt und Paris auf diese Weise von einer wahren Seuche befreit, geschieht das nicht unter Jubel, sondern ist begleitet von einer majestätischen Melancholie, etwas, was Frau Carls meisterlich zu gestalten vermag. Diese Haltung ist durchaus angemessen, denn Menschen in den Tod zu schicken, verbietet sich für jedes zivilisierte Wesen. Der Tod ist wegen seiner Irreversibilität keine zivilisatorische Strafe, denn sie setzt die Unfehlbarkeit der Rechtsprechung voraus und ist somit eine Anmaßung.

Vermutlich hat sich Jean Giraudoux sehr schwer getan mit dem Schluss. Schließlich stellte er dem Urteil eine Gerichtsverhandlung voran, in der der Lumpensammler (Timo Alexander Wenzel) den Angeklagten gab. Er war sich seiner gesellschaftlichen Berechtigung mehr als sicher und legte in seiner Argumentation die Perfidie, die Menschen- und Kulturverachtung der Ritter des Geldes bloß. Das Gericht, neben Aurélie, der Irren von Chaillot, aus drei ebenso irrwitzigen Freundinnen bestehend, Constance (Claudia Schmidt), Gabrielle (Sven Schöcker) und Joséphine (Arno Friedrich), die „Irren“ von Passy, St-Sulpice de Paris und La Concorde, kommt am Ende zu dem Todesurteil. Dabei kann man dieses Urteil durchaus als Notwehr ansehen, denn die Verurteilten hatten nichts Geringeres vor, als ganze Stadtteile von Paris wegzubomben, um an Erdölvorkommen zu gelangen, die angeblich unter der Stadt lagerten. Die Kostprobe in der Kloake unter dem Haus von Aurélie wurde zur Vollstreckung des Urteils.

Es ist wieder einmal ein brandaktuelles Stück, von Margit Carls übersetzt und in eine, dem Spielort angepasste Fassung gebracht, das Regisseur Andreas Seyferth im Theater Viel Lärm um Nichts in der Pasinger Fabrik auf die Bühne brachte und sich dabei aller erdenklicher Theatermittel bediente. Immerhin mussten von acht Darstellern zweiundzwanzig Rollen realisiert werden. Eine wahre Revue an fantastischen Kostümen von Johannes Schrödl zog am Auge des Betrachters vorüber. Der Raum von Peter Schultze bot schier endlose Möglichkeiten, auf die Szene zu gelangen. Gespielt wurde selbst aus dem Publikum heraus und der finale Abstieg in die Unterwelt, höllisch rot illuminiert von Jo Hübner, war eine perfekte Illusion. Diese Inszenierung bewies einmal mehr, wie Theater Räume entgrenzen kann durch Licht und auch durch Klang (Kai Taschner).

Geboten wurde bestes Ensembletheater, in dem jeder auch seinen „großen Auftritt“ hatte, denn schließlich handelte es sich um eine Vorlage von Jean Giraudoux, dem Großmeister der Sprachpoesie, dem Dompteur des Surrealen, dem vorzüglichen Menschenkenner. Und jeder nutzte sie auf unverwechselbare Weise. Claudia Schmidt gab einen clownesken Taubstummen ebenso beredt wie die verrückte Constance mit praller Körperlichkeit und osteuropäischem Akzent. Arno Friedrichs Präsident hatte in seiner Anbetung des Goldenen Kalbes schon fast transzendentale Züge, ganz im Gegensatz zu seinem überaus menschlichen 2. Polizisten. Melda Hazirci fiel der Part der Irma zu, Geschirrwäscherin im Café „Chez Francis“. Ihre Philosophie: Man lasse die Küsse, die Berührungen, die … über sich ergehen, sage allerdings die berühmten drei Worte nur zu dem einzig Richtigen. Der hieß Pierre und wurde von Mario Linder gespielt, der zudem ein beinahe pantomisches Blumenmädchen als Sonnenblume mit pakistanischem Akzent verkörperte. (Der Einfachheit halber: Alle Blumenverkäufer kommen aus Pakistan! Oder Umgebung. – W.B.)

Sven Schöckers Prospektor war ein echter Bluthund, seine Gabrielle, die Irre von St-Sulpice de Paris, hingegen ließ das Bild von Conchita Wurst verblassen. Denis Fink war der Mann für die Szenen dazwischen, den Sänger, der keinen Text hatte, den Retter, der den zu Rettenden durch einen Knock out versehentlich von einem Bombenattentat abhielt, den Kloakenmann, der wie eine seltsam fremde Lebensform anmutete und mit einigen Klischees über die Unterwelt, also die Kloake aufräumte. Es gab durchaus Lehrreiches, wenngleich die errungenen Wissensinhalte kaum praxistauglich waren.

Vor allem aber gab es Momente der Besinnung darüber, in welchem Zustand sich die Welt befindet und damit schließt sich der Kreis zu Schopenhauer wieder. Der Untergang unserer Welt, zumindest einiger Inseln, ist bereits sichtbar geworden und wir würden gern gegenlenken. Allein der Wachstumsgott donnert uns vom Börsenparkett entgegen: „Änderungen bringen uns den Untergang! Seid optimistisch, wir werden es für Euch richten.“ Und die Welt glaubt ihm, dem tönernen Gott, dem die Zukunft schlichtweg egal zu sein scheint, noch immer seinen Optimismus. Warum? Schopenhauers Antwort: „Der Optimismus darf, als obligat, in keinem philosophischen System fehlen; denn die Welt will hören, dass sie löblich und vortrefflich sei.“

Gänzlich frei von billiger Ideologie und banalen Erziehungsversuchen, war der Premierenabend ein melancholischer Abgesang zum Jahresende. Er war keine Feierlichkeit zu einem großartigen Jahr, aber er war voller praller, lebensbejahender Komik und auch voller märchenhafter Schönheit. Er war das Lächeln Giraudoux´ über das André Gide sagte: „Keine Macht der Welt, außer der Barbarei, vermag dem Lächeln Giraudoux´ zu widerstehen.“

Wolf Banitzki

 


Die Irre von Chaillot

Eine romantische Satire von Jean Giraudoux

Arno Friedrich, Claudia Schmidt, Sven Schöcker, Melda Hazirci, Denis Fink, Mario Linder, Timo Alexander Wenzel, Margrit Carls

Regie: Andreas Seyferth

Theater Viel Lärm um Nichts Der Weltverbesserer von Thomas Bernhard


 

Absurd realistisch

„Naturgemäß“ war eines der Lieblingsworte von Thomas Bernhard. Es beschreibt die Gesetzmäßigkeit der Dinge, ihre Unausweichlichkeit, doch bei Bernhard ist dieses „naturgemäß“ immer auch Ausdruck tiefer Lebensverdrossenheit und Misanthropie. „Der Weltverbesserer“ beschreibt einen halben Tag im Leben eines Privatgelehrten, beginnend um 5.00 Uhr, dem um 11.00 Uhr die langersehnte Ehrendoktorwürde verliehen werden soll. Die Ehrung mit der Ehrenkette, verliehen von der Stadt Frankfurt, wurde ihm bereits zuteil und der Altbundeskanzler nannte ihn bei dieser Gelegenheit ein Genie. Er selbst hat daran nie gezweifelt, wohl aber daran, dass der Rest der Welt dies nie erkennen würde.

Auch würde die Welt den Wert seines „Traktats zur Verbesserung der Welt“ nicht wirklich begreifen: „Das Traurige ist / dass kein Mensch meinen Traktat verstanden hat“. Und das ist vermutlich auch gut so, zumindest für den Weltverbesserer, dem die mehr als zwanzig Übersetzungen, sogar in die chinesische Sprache, ökonomische Unabhängigkeit gebracht hatte. Die Quintessenz des Traktates lautet wie folgt: „Mein Traktat will nichts anderes / als die totale Abschaffung / nur hat das niemand begriffen / Ich will sie abschaffen / und sie zeichnen mich dafür aus / (…) / Die Opfer verhelfen ihrem Mörder zum / Ehrendoktor“.

Was für eine Welt! „Alle Wege führen unweigerlich / in die Perversität / und in die Absurdität / Wir können die Welt nur verbessern / wenn wir sie abschaffen“. Das mag auf den ersten Blick recht schräg anmuten, doch abwegig ist diese Logik nicht. 10.000 Jahre Entwicklung des Menschen als gesellschaftliches Wesen hat bislang nur eine Einsicht gebracht: Der Mensch arbeitet unbeirrt am Untergang des Planeten und an seinem eigenen.
Erträglich sind derartige Überlegungen und Auslassung nur, weil es sich im Bernhardschen Drama, das er explizit für Bernhard Minetti geschrieben hatte, um eine hemmungslose künstlerische Überzeichnung handelt, bei der die Komik wahrlich nicht zu kurz kommt. Also: lachen, um nicht zu weinen.

   Der Weltverbesserer  
   Evelyn Plank und Titus Horst  

Das Stück ist beinahe ein Monolog, der für jeden Schauspieler eine immense Herausforderung bedeutet, denn der Geist des Weltverbesserers ist derart konfus, dass es kaum einen „roten Faden“ gibt, an dem sich der Darsteller entlang hangeln könnte. Brüche über Brüche, Gliederschmerzen gehen in kulinarische Fantasien über, drohender Wahnsinn durch Vogelgezwitscher werden von bitterbösen Auslassungen gegen die Stadt Trier, in der der Geist nicht zuhause ist und in der man sich nur seinen Anzug verdirbt, abgelöst. Titus Horst meisterte diesen Hindernisparcours souverän und führte mit seinem differenzierten und wechselvollen Spiel die Absurditäten und Widersprüchlichkeiten zu einem Ganzen, zu einer monolithischen misogynen Figur zusammen.

Regisseur Andreas Wiedermann, Jahrgang 1978, einer der produktivsten und begabtesten Regisseure, lieferte in den letzten Jahren mit erstaunlicher künstlerischer Konstanz und einer bemerkenswerten Sensualität für aktuelle und wichtige Themen höchst sehenswerte Inszenierungen ab. Es verwundert schon, dass sich die großen Häuser Münchens dieses Talents nicht bemächtigen.

Wiedermann hat eine wunderbare Strichfassung für seine Inszenierung erstellt, die die breite, teilweise sinnfreie und darum umso schönere Geschwätzigkeit Bernhards auf das Wesentlichste eindämmte. Der tyrannische Charakter des alten Mannes blieb dabei unbestritten. Doch Wiedermann gelang es, mit der Figur der polnischen Haushälterin, bei ihm ist sie eine an geistigen Belangen kaum interessierte Frau, die aber eine große Klaviatur weiblicher Einflussnahme beherrscht, einen mächtigen Gegenpol geschaffen zu haben, der so vermutlich nicht in der Intention Bernhards lag, der allerdings angesichts des Textes durchaus möglich und glaubhaft war. Der Weltverbesserer gestand, dass, sollte sie ihn jemals verlassen, er aufhören würde zu existieren. Dasselbe galt ebenso für die Frau. Beide Existenzen waren unauflösbar mit einander verwoben. Beider Leben war ein gut geölter Mikrokosmos voller Abscheu, Verletzungen, Erniedrigungen und Beleidigungen.

Evelyn Planck bot eine große Bandbreite weiblicher Manipulationsinstrumente. Sie spielte mit ihren weiblichen Reizen, die zwar längst verblasst waren, beim Weltverbesserer aber immer noch Fantasien beflügelten. Sie heulte mechanisch, wenn es die Situation gebot und sie erschien stets in wechselndem Outfit, von Jogginganzug bis lächerlich veraltetem Festtagskleid. Der Weltverbesserer nannte sie „notwendiges Übel“. Evelyn Plancks Spiel stellte diese Behauptung auf den Kopf. Auch sie sah ihn nur als notwendiges Übel in ihrem Leben.

Als Bernhard dieses Stück 1980 schrieb, hatte er vermutlich keine konkreten Figuren vor Augen. Umso beängstigender ist die Tatsache, dass wir heutzutage durchaus Parallelen sehen zwischen dem Weltverbesserer und Protagonisten des gesellschaftlichen Lebens, die vollkommen weltfremd agieren, einen unbeschreiblichen und lächerlichen Narzissmus leben und ihre Entscheidungen mit den hanebüchensten und absurdesten Argumenten zu Wahrheiten erklären. Wiedermanns Inszenierung spielte in dem gänzlich schwarzen Raum des Theaters Viel Lärm um Nichts, an dessen Rückseite eine Vielzahl von Fotos bedeutende, aber auch nur populäre Menschen zeigte. Neben Kant und Voltaire konnte man auch Conchita Wurst sehen. Das ist natürlich auch ein Statement. Wenn wir heute wieder realistisches Theater manchen wollen, müssen wir unbedingt auch wieder das Theater des Absurden aus der Versenkung holen, denn die Realität ist hochgradig absurd und der Weltverbesserer eine sehr reale Figur. Unbedingt sehenswert, dieses grantelnde Paar!

Wolf Banitzki


Der Weltverbesserer

von Thomas Bernhard

Evelyn Plank und Titus Horst

Regie: Andreas Wiedermann

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