Volkstheater  Die Möwe von Anton Tschechow


 

Tschechow von seiner schönsten Seite

„Ein Stoff für eine kleine Erzählung: Ein junges Mädchen wie Sie wächst am Ufer eines Sees auf; sie liebt den See wie eine Möwe und lebt frei und glücklich wie ein Möwe. Aber dann führt der Zufall einen Mann an den See, der sieht das Mädchen, und in einer müßigen Laune stürzt er es ins Verderben, so wie diese Möwe.“ Sie ist Nina, ein Mädchen vom Dorf mit großen Ambitionen. Der Sprecher dieser Zeilen ist Trigorin, ein gefeierter Schriftsteller in der ländlichen Sommerfrische. Mit diesen Zeilen beschreibt er das Wesentliche des Stückes, denn Nina ist die Möwe, die zugrunde gerichtet wird und er selbst ist der Zerstörer. In Tschechows „Möwe“ ist diese Idee vorerst nicht mehr als ein Skizze für eine Erzählung, die sich jedoch zwei Jahre später als selbsterfüllte Prophezeiung entpuppt.

Tschechow ließ auch in diesem Stück die üblichen Verdächtigen aufmarschieren, um ein Sittengemälde zu zeichnen, das sich, den Tod inbegriffen, urkomisch gestaltet. Konstantin Treplev, einer, der sich zum Künstler berufen fühlt, lebt auf dem Landsitz seines Onkels Sorin, ein todkranker Jurist im Ruhestand. Sorin selbst begreift sich als ein Mann, der immer nur wollte, aber nichts schaffte. Mit diesem Versagen kokettiert er unablässig. Konstantin trägt als aufstrebender Künstler eine schwere Bürde, denn seine Mutter ist die umjubelte Bühnenschauspielerin Irina Nikolajewna Arkadina, eine egomanische Person, die kaum Notiz nimmt von den Sehnsüchten ihres Sprösslings. Ihr Lebensgefährte ist der ebenso gefeierte und oben bereits erwähnte Schriftsteller Trigorin. Nina, Tochter des Nachbarn von Sorin und die große Liebe Konstantins, spielt die Hauptrolle in dem experimentellen Theaterstück, das Konstantin zu Ehren der Mutter und zur Unterhaltung der sich auf dem Gut aufhaltenden Freunde, Schnorrer und Landintellektuellen zu Aufführung bringen möchte. Zu denen gehören der Arzt Dorn, ein Mann mit Hang zu den Frauen und der Philosophie, und der schlechtbezahlte Lehrer Medwedenko. Komplettiert wird das Panoptikum von der Hausangestellten Polina Andrejewna und deren nihilistischen Tochter Mascha.

Die Aufführung des Theaters endet mit dem Abbruch durch Konstantin, denn das Publikum ist sichtlich überfordert mit den „neuen Formen“ und den abstrakten Inhalten. Es macht sich lustig über das herzblütige Engagement des jungen Künstlers, außer Dorn, der durchaus etwas in dem Werk zu sehen glaubt. Immerhin ermutigt er den am Boden zerstörten Dichter zum Weitermachen. Zwei Jahre später, der Zeitsprung erfolgt zwischen dem 3. und 4. Akt, wird Nina noch einmal Konstantins Text sprechen. Diesmal als Klage über die unerwiderte Liebe Trigorins, den sie noch immer liebt und über ihr gescheitertes Leben. Dann eilt Nina auf Nimmerwiedersehen davon, lässt Konstantin, der nur sie liebt, hoffnungslos zurück. Wenig später, die Gesellschaft trinkt Tee, fällt im Hintergrund ein Schuss.

  Die Mwe  
 

Jakob Geßner und Julia Richter

© Arno Declair

 

Es ist eine große Geschichte, die ihren kleinen Rahmen immer wieder zu sprengen droht, wenn sie kongenial auf die Bühne gebracht wird. Und genau das hat Christian Stückl am Volkstheater geschafft. Er ist dabei keineswegs zaghaft zu Werke gegangen und hat die Personen grandios überzeichnet, ohne, um den Preis des vordergründigen Effekts, die Empfindungen und Gefühle der Figuren unter den Teppich zu kehren. Stückl gelang es, die Lächerlichkeit der Figuren zu betonen, dabei die Komik auf die Spitze zu treiben, ohne jedoch die Geschichte in Lächerlichkeit zu ersäufen. Geradezu spektakulär waren die Kostüme von Stefan Hageneier, eine Mischung aus Karikaturen von Honoré Daumier und Figuren aus Tim Burtons „Alice in Wonderland“. Sein Bühnenbild, eine großbürgerliche, von Verwahrlosung gezeichnete Landvilla mit hohen Türen und Ausblick auf den See, der langsam und unaufhaltsam Besitz vom Wohnraum ergriff, gab einen trefflichen Rahmen ab.

Hageneier bediente zusätzlich eine ganze Palette von Farbsymbolen. Jule Ronstedts Irina Nikolajewna Arkadina war ebenso wie Jakob Gessners Trigorin in (königlichem) Rot gekleidet, fordernder Ausdruck ihrer Anbetungswürdigkeit. Jule Ronstedt kehrte nach 18 Jahren, zuletzt war sie 1999 in den Münchner Kammerspielen zu sehen, wieder auf eine Münchner Bühne zurück, und gab eine puppenhafte, egozentrische, zugleich sehr pragmatisch denkende Künstlerin und Mutter, an der der Sohn Konstantin zerbrechen musste. Den gestaltete Oleg Tikhomirov als einen bleichsüchtigen, durchsetzungsschwachen und selbstquälerischen Mann. Sein (künstlerischer) Widerpart war Jakob Geßner, der den Boris Alexejewitsch Trigorin als einen träumerischen, unter seiner zwanghaften Schreibwut leidenden und durchaus naiv in Bezug auf Liebesdingen reagierenden Mann spielte, der, wenn man genau auf den Text schaut, durchaus einige Bekenntnisse Tschechows preisgab. Pascal Fliggs todkranker und kettenrauchender Pjotr Nikolajewitsch Sorin kümmerte dahin und verwandelte sich bis zum Schluss der Geschichte in einen Schatten seiner selbst.

Fabelhaft waren auch die Nebenfiguren in ihren physischen Erscheinungen und ihrem Spielduktus, allen voran Mehmet Sözer als der Arzt Jewgeni Sergejewitsch Dorn, ein spillriges, agiles Kuriosum. Auch Timocin Ziegler als Lehrer Semjon Semjonotiwsch Medwedenko hatte sowohl irrsinnig komische, wie auch tragischen Momente. Er war kein Mann des Geistes und schon gar nicht der Kunst. Sein Dilemma waren seine Armut und sein langes schütteres Haar, das ihn äußerst unattraktiv machte. Er war ein Zukurzgekommener und ließ keine Möglichkeit aus, dies auf lächerliche Weise zu betonen. Sein Eheglück mit Mascha hatte von vornherein keine Chance. Pola Jane O´Mara, mit der Frisur von Paul Wegener als Golem und gänzlich in Gothic-Schwarz gekleidet, spielte ihre Verzweiflung sehr selbstbewusst: „Ich habe das Gefühl, als wäre ich vor langer, langer Zeit geboren; ich ziehe mein Leben mühsam hinter mir her wie eine endlose Schleppe…“ Maschas Mutter Polina Andrejewna wurde von Deborah Daberkow als ein fleischgewordener Spasmus gespielt. Ihre körperliche Rundlichkeit steigerte die Befürchtung, sie könne bei dem Überdruck ihrer Sprachlosigkeit platzen. Wenn sie Druck abließ, dann schreiend. Dazwischen machte ihr Körper scheinbar was er wollte. Sämtliche Darsteller spielten mit viel körperlichen Ausdruck, der zumeist die Kategorie des Grotesken bediente. Chapeau vor dieser Leistung!

Die tragische Lichtgestalt Nina Michailowna Saretschnaja gab Julia Richter, die eingangs mit ihrer Interpretation von Konstantins Dramentext ein beeindruckendes Beispiel für den Ausdruckstanz à la Mary Wigman oder Gret Palucca ablieferte. In Weiß und mit langen blonden Haaren erfüllte sie gänzlich das Bild eines unschuldigen Gretchens. Der Fortgang der Geschichte war dementsprechend. Sie hatte in Christian Stückls Inszenierung auch das letzte Wort mit ihrer neuerlichen Interpretation des Textes von Konstantin über das tragische Ende allen Seins und dem Kampf zwischen Gut und Böse. Der Spielduktus war ähnlich wie am Anfang und das verwässerte leider die Wirkung ein wenig. Vermutlich wollte Christian Stückl damit ein letztes Aufbäumen signalisieren. Doch Nina war ausgebrannt, in ihrem Leben gab es, auch und vor allem wegen der unerhörten Liebe zu Trigorin, keine Hoffnung mehr. Eine Hinwendung zu Konstantin war ihr gleichfalls nicht möglich. Eine Deklamation ohne Spiel hätte den Text vermutlich wesentlich wuchtiger und existenzieller erscheinen lassen.

Doch ungeachtet dessen war dieser Abend ein grandioses Erlebnis, das enorm viel Spaß machte, weil es Stückl gelang die ganze Bandbreite der Figuren- und auch der Situationskomik freizusetzen. Das Spiel mit Klischees kann, das bewies die Aufführung, durchaus amüsant sein, denn jedem Klischee liegt auch eine tiefere Wahrheit zugrunde. Warum also nicht! Das zeichnete vor allem den Handwerker Stückl aus. Mindestens ebenso erstaunlich war die inhaltliche Interpretation, mit der Christian Stückl ganz und gar den Ansprüchen Tschechows gerecht wurde. Völlig frei von Ideologien trat die pure menschliche Natur auf und erklärte sich. Gänzlich ohne Anspielungen auf aktuelle Politik etc., gelang ein Stück Theater, das wesentlich mehr vermittelte als politisch korrekte Phrasen oder Verhaltensmaßregeln. Eine wichtige Einsicht bei Tschechow ist: Der Mensch ist wie er ist, zumeist eine lächerliche und eine sich selbst überschätzende Figur. Fazit: Lange nicht so viel Spaß gehabt und den grandiosen Dramatiker Tschechow in voller Schönheit erlebt. Danke.

Wolf Banitzki

 


Die Möwe

von Anton Tschechow

Jule Ronstedt, Oleg Tikhomirov, Pascal Fligg, Julia Richter, Luise Deborah Daberkow, Pola Jane O´Mara, Jakob Geßner, Mehmet Sözer, Timocin Ziegler

Regie: Christian Stückl

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok Ablehnen