Volkstheater Die Dreigroschenoper von Bertolt Brecht / Kurt Weill




Etwas von Allem

Das kennt man, das unterhält. Das kennt man, das gefällt. Das kennt man, das unterhält. „Die Welt ist arm, der Mensch ist schlecht.“

„Honey Island“ empfing die Zuschauer im Volkstheater zur Dreigroschenoper. Der Schriftzug prangte über dem Rondell welches einer Jahrmarktsbude ähnelte und dessen Mitte von einer farbenfrohen Maske geziert war. Die Musiker, bekleidet mit gelben Zirkusuniformen, betraten die Bühne, stiegen in den Orchestergraben. Auftakt. Und Honey Island war auch der Pferdestall, in dem der Gentleman und Gauner Macheath die brave naive Polly, Tochter des Unternehmers Peachum, heiratete. Zur Hochzeitsfeier kamen die „Mitarbeiter“ und Polly (Sybille Lambrich)  trug zur Unterhaltung der Gesellschaft das wohlbekannte Lied von der Seeräuber-Jenny vor. Sie tat dies artifiziell und hervorragend, kommentierte sich abschließend auch mit den Worten: „Das ist Kunst.“ Doch es ging schnell weiter, zur Sache. Ein Bett wurde aufgebaut, dann wurde „gepapperlapoppt“ , und mit „Halt die Fresse ...“ Honeymoon gemacht. Peachum (Stefan Ruppe) betrieb ein Geschäft mit dem Mitleid der Wohlhabenden, ihren Almosen. Mit der Heirat seiner Tochter waren weder er, noch seine Frau (Ursula Burkhart) – die das Mädchen schon mal mit den Worten: „Du Dreckschlampe ...“ nach Hause schickte - einverstanden und da Polly sich nicht zur Scheidung überreden ließ, beschlossen die Eltern sie zur Witwe zu machen. So begann ein Reigen menschlicher Anstrengungen und Verstrickungen in die, wie könnte es anders sein, auch die Polizei einbezogen war. Der Chef Brown war ein Freund und Kampfgefährte Mackies und beide verbanden, abgesehen von freundschaftlichen Kumpelgefühlen, naturgemäß auch Geschäfte. Es „menschelte“ aufdringlich von der Bühne, wenn Tiger-Brown (Tobias van Dieken) die Beweggründe darlegte. Da buhlten und kämpften Polly und Lucy (Kristina Pauls) in bester dämlicher, im treffendsten Sinne des Wortes, Girlie-Show-Manier um Macheath, und Nutte Jenny (Xenia Tiling) verriet ihn enttäuscht gegen Geld. Auch Macheath (Pascal Fligg), anfangs noch durchaus Mann und Herr seines Lebens, wurde im Laufe des Stückes immer mehr zum, in sich haltlosen, Spielball der menschlichen Kräfte seiner Umgebung.

Die Lieder von Weill und Brecht und das hervorragende Spiel der Kapelle trugen diese Inszenierung. Alle Darsteller, je nach dem Temperament der Rolle und der Situation gemäß, gaben ihr Bestes. Dazwischen zog der Nebel Londons über die Bühne. Kitschige Bilder, wie etwa die in rosa Licht getauchte Szene vor der Hochzeitsnacht oder die in goldene Kleidung gehüllten barbusigen Nutten, bildeten Höhepunkte. Sie, wie die insgesamt opulente Ausstattung und die aufwändige Kostüme beeindruckten die Augen der Betrachter. (Bühne und Kostüme: Stefan Hageneier)

dreigroschenoper

Thomas Kylau, Stefan Ruppe, Pascal Fligg

© Arno Declair

Das englische Original der Dreigroschenoper, das Stück „The Beggars Opera“ wurde 1728 zum ersten Mal in London aufgeführt. Regisseur Christian Stückl orientierte sich an der Inszenierungstradition der Barockoper und hielt sich an Brechts Weisung, nur unmittelbar bespielte Requisiten zuzulassen. Einem schlüssigen und bereits erprobten Erfolgskonzept nachfolgend, konnte der Applaus nicht ausbleiben.

Und das ist der Kern von der Geschichte: Den Armen bleibt immer nur die Hoffnung auf die Gnade „von Oben“ (in jeglicher Weise, also auch der künstlerischen) oder auf ein Schiff „mit fünfzig Kanonen an Bord“ und wiederum die Gnade von „...“. Denn, nun sei wie im Programmheft Brecht zitiert, leben die Menschen „nicht in Moral, sondern natürlich von Moral“. Oder, um es auf den Punkt zu bringen, davon, dass sie Moral verkaufen und einfordern, für sich selbstverständlich. Gezeichnet wurde also, auch auf der Bühne eine Show, an deren Anfang die Bibel und deren Ende Begnadigung zu einem besonderen Anlass standen, und letztere gehören zu den Wundern, die ihren Ursprung ebenfalls „ganz Oben“ haben.
Der Opernschluss, Gipfel der Parodie und eine rundum satte goldene Zufriedenheit ausstrahlende Szene machte auch deutlich: Es ist ein Traum. Der älteste und größte Traum der Menschheit, der nach Wohlstand und einem gefüllten Bauch. Es ist der Traum, den man vergeblich durch die Parodie ins Diesseits zu holen sucht. Es ist der Traum, den die Bibel den Himmel nennt, das Jenseits des irdischen Jammertals. Es war eine im Zeitgeist gelungene Szene, denn die Mitte des Bürgerlichen lässt sich nur zu gerne vormachen, dass ihre kleinen und großen Schwächen und Verfehlungen ohne Konsequenzen bleiben und das Maß in der Gesellschaft darstellen. Ihr Sieg erscheint zur Zeit unaufhaltsam ... erscheint. (Die Welt ist reich, nur der Kleingeist schlecht. Anm. CMM)

Zeitlos berührten die bekannten Melodien Weills das gesamte Publikum. Mit den Lied-Texten von Brecht fühlten sich besonders die älteren Zuschauer angesprochen, mit der teils schnoddrigen Inszenierung und den neuzeitlichen Prol-Dialogen traf Stückl den Nerv der jüngeren Generationen. Das war Volkstheater, welches an diesem Abend geboten wurde. Dafür könnte man dem Volk, zumindest für den schlechten sprachlichen Aspekt eine Armutsbescheinigung ausstellen. Künstlerisch spiegelte es die gesellschaftliche Haltung in vielen Facetten und vom moralischen Standpunkt, der heute, wie ehedem, ein wirtschaftlicher ist, also ökonomisch betrachtet, kann die Inszenierung, nächste Vorstellung bereits am Premierenabend ausverkauft, sicherlich als Erfolg gesehen werden.



C.M.Meier

 

 


Die Dreigroschenoper

von Bertolt Brecht / Kurt Weill

Stefan Ruppe, Ursula Burkhart, Sybille Lambrich, Pascal Fligg, Tobias van Dieken, Kristina Pauls, Xenia Tiling, Justin Mühlenhardt, Adam Markiewicz, Thomas Kylau, Tobias Schormann,
Musik: Alien Combo - Stephan Reiser, Mathias Götz, Norbert Bürger, Karsten Gnettner, Stefan Schreiber, Micha Acher, Markus Acher, Jan Eschke

Regie: Christian Stückl
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