Kammerspiele Werkraum  Nachts, als die Sonne für mich schien von Uisenma Borchu


 

Der schale Geschmack der Vergeblichkeit

Mit „Schau mich nicht so an“ debütierte Uisenma Borchu als Filmregisseurin und wurde dafür 2016 mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet. Sie kam nun dem Angebot nach, ein Projekt auf der Bühne (Werkraum) der Münchner Kammerspiele zu realisieren. Es scheint beinahe unausweichlich zu sein, dass die Künstler dieser Generation (Uisenma Borchu wurde 1984 in Ulan Bator geboren.) als allererstes sich selbst inszenieren und ihre eigene Geschichte erzählen. Immerhin hat Uisenma Borchu eine Geschichte, die zwei Jahre vor dem Fall der Berliner Mauer begann. Da nämlich reiste sie gemeinsam mit ihrer Familie aus der Mongolei in die DDR ein. In der DDR galt das von der Partei verordnete Prinzip der Völkerfreundschaft und so wurden die Genossen aus anderen Ländern offiziell stets sehr freundlich empfangen.

Selbstredend gab es in der Bevölkerung der DDR eine Vielzahl von Ressentiments, zu denen die natürliche Angst vor und Abneigung gegen das vermeintlich „Fremde“ ebenso gehörte, wie der Neid, denn es gab auch Zuwanderer, die zumeist nur temporär in der DDR blieben, die mit ihren Reisedokumenten in das „nichtsozialistische“ Ausland reisen konnten, wie zum Beispiel Studenten aus Mali, Arbeiter aus Jugoslawien oder Kommunisten aus Indien.

Es war ebenso natürlich, dass diese Ressentiments nach dem Mauerfall offen ausbrachen und zu Ausschreitungen wie denen in Rostock-Lichtenhagen oder Schwedt an der Oder führten. Soziologen und Historiker hätten davor warnen können, haben es aber zumeist nicht getan, weil sie sofort als „Nestbeschmutzer“ abgetan wurden. Folglich glaubte man willig an die Verheißungen der Politik und an die Vision von den „blühenden Landschaften“. Uisenma Borchu schlug in dieser Zeit ein kalter Wind ins Gesicht, was für ein Kind natürlich um ein Vielfaches beängstigender und verunsichernder war, als für einen erwachsenen Menschen mit Lebenserfahrungen. Erster Ansprechpartner war der Vater, der ihr gesunde Selbstbehauptung zu vermitteln suchte. Die Konflikte waren damit aber nicht aus der Welt zu schaffen.

  Nachts als die Sonne  
 

Uisenma Borchu, Lea Johanna Geszti

© Josef Beyer

 

Mit ihrer Geschichte erzählte Uisenma Borchu keine neue und sie tat es auch nicht auf besonders interessant oder fesselnde Weise. Die von ihr verfassten Texte waren spröde, nicht selten plakativ und gelegentlich poetisch, wobei die Poesie auf recht verlorenem Posten stand. Die Zweidimensionalität war nicht förderlich, tiefere Einsichten zu transportieren oder Aufklärung zu leisten. Vielmehr geriet vieles sehr eitel, wenn Uisenma Borchu mit ungeschulter Stimme, dilettantischen Texten, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben, über das Mikroport hauchend, betont nachdrücklich über die Bühne schwebend, ihre ureigene Geschichte erzählte, die ohne Frage eine unschöne, aber doch wahrlich keine seltene und damit exemplarische war. Es war nicht mehr als eine weitere Wortmeldung zum Thema Ausländerfeindlichkeit, ein Thema, das momentan sämtliche andere Themen stark in den Hintergrund treten lässt und das eigentlich nur einer Gruppe unserer Gesellschaft in die Hände spielt, nämlich den Ausländerfeinden und deren Mitläufer. Es sei noch einmal mit Nachdruck darauf verwiesen, dass in Deutschland 87 % der Wahlbürger eindeutig Flagge gezeigt haben und sich zur Demokratie bekannten.

Zumindest ästhetisch war ein deutliches gestalterisches Bemühen zu erkennen, denn Uisenma Borchu, die, wie bereits erwähnt, als Erzählerin und als heutige Uisenma Borchu durchgängig auf der Bühne war, wurde gleichsam lebendig und raumgreifend von Lea Johanna Geszti als Schulmädchen Uisenma gespielt, die allerdings den vielen Anfeindungen sehr introvertiert und defensiv begegnete, vermutlich, weil ihr wenig Argumentatives an die Hand gegeben war. Es blieb überwiegend bei Befindlichkeiten. Wenn sie in ihrem kindlichen Drang emotional dekompensierte, im positiven, wie im negativen, dann zumeist an die Adresse des Vaters gerichtet. Auch der war doppelt auf der Bühne, in Person des Malers Borchu Bawaa und in der Person Christian Löbers, der den Vater der späten 80er und frühen 90er Jahre spielte. Uisenma Borchus Ansatz war es, dem Vater über seine Malereien auf der Bühne Statements zu seinem damaligen Seelenleben abzuringen. So entstand in den 70 Minuten ein großes Gemälde zum Thema „Wende“. Christian Löber, ein Schauspieler mit enormer Präsenz und magischem Spielvermögen, wirkte nicht selten, als würde er improvisieren. Das erweckte den Anschein, dass er von der Regie nicht hinreichend aufgeklärt worden war, in welche Richtung sich die Figur letztlich entwickeln sollte.

Sehr befremdlich wirkte die Darstellung der Lehrerin, die einzige gesellschaftliche Person, der die mongolische Familie in der deutschen Realität in der Aufführung gegenübergestellt wurde. Araba Walton, selbst farbig und eine sehr attraktive Frau, fiel die Rolle zu, den „hässlichen Deutschen“ zu geben, der sich beispielsweise darüber beschwerte, dass viele Landsleute arbeitslos seien, während die Ausländer Festanstellungen hatten. Die teilweise kryptischen Texte dieser Figur erzeugten eine Unschärfe, hinter der sich latent faschistoides Gedankengut, aber auch sehnsüchtige Verunsicherung und Verzweiflung verbergen konnte. Diese Unschärfe blieb bis zum letzten Augenblick und war möglicherweise sogar gewollt. Ahnungen und Spekulationen hielte das Stück offen und vermieden ein letztes Urteil.

Diese inhaltliche Offenlassung deckte sich mit der in der Werbung zum Stück formulierten Fragen: „Ist die Zeit, ist die Vergangenheit wieder einzuholen? Und kann man dadurch dem Rätsel, wer man ist, auf die Spur kommen?“ Auf Antworten wartete man vergeblich und ohne Antworten blieben auch deutliche Haltungen außen vor. Schade, denn der schale Geschmack der Vergeblichkeit war das letzte Gefühl beim Verlassen des Werkraums.

Wolf Banitzki

 


Nachts, als die Sonne für mich schien

von Uisenma Borchu

Araba Walton, Borchu Bawaa, Christian Löber, Lea Johanna Geszti, Uisenma Borchu

Regie: Uisenma Borchu

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