Kammerspiele Macbeth von William Shakespeare


 

 

Hexenshow

„Seid ihr nur Wahnsinn, oder seid ihr wirklich?“
„Sprecht, was seid ihr!“
„Macbeth. Heil dir, Than von Glamis.“
„Macbeth. Heil dir, Than von Cawdor.“
„Macbeth. Heil dir, König von …“
Der Blick in die Zukunft, der der Ungewissheit vorbeugen und die Hoffnung nähren soll, stärkt den Geist des Feldherrn. Drei moderne Hexen, in bunten hübschen Tanzkleidern traten an die Rampe der Kammerspiele. Sie (Kate Strong, Stefan Merki, Katja Bürkle) posierten, drehten und wendeten sich, eine wie der andere, in gleicher Gestik. Also einstudiert. Getarnt im dekorativen Outfit beschworen sie den Geist, sangen die geheimen Zauberformeln. Es war auch eine der Hexen, die Macbeth und Banquo mit Blut aus der Dose beschmierte, ihnen die weißen Anzughemden, welche die Männer zu grauen Bisnishosen trugen, rot färbte. Machte sie am Ende nur sichtbar, was tatsächlich geschieht? Mit dem verstärkten Auftreten, dem allgemeinen zyklischen Aufkommen von Hexen, neuerdings in Form von heidnischen HeilerInnen und bekannten WahrSagerInnen, und dem Blut an den Händen von Waffenproduzenten, die sich Könige wähnen, und ihren Gefolgsleuten, den Geldschiebern, ist die Frage nach der Aktualität der Inszenierung bereits beantwortet. Und da Heil und Unheil ganz nahe beieinander liegen, einander bedingen, so stehen sich wie überall Gute- und Bösehexen gegenüber. Sie spinnen am Unbewussten der Getroffenen, das als Leitfaden, als Führer im Leben dient. Und so wie Heil und Unheil um den Sieg kämpfen, so kämpfen auch Glaube und Aberglaube um Vorherrschaft. Die sich selbst erfüllenden Prophezeiungen sind ebenso im Unbewussten verankert, wie die Wahlfreiheit des Handelns es im Bewusstsein ist. Womit auch schon das Feld benannt wurde, auf dem die Hexen ihr Un- und Wesen treiben. Also wirklich. Das mit den „Heil“sbotschaften wurde schon immer gründlich missverstanden, wie die Geschichte beweist. Und eben dieses in Machtkämpfen und Waffenverkäufen zu suchen, führt auch zu Blut an den Händen.
Nie erfährt der Mensch das Leben so grausam, wie zu Zeiten eines Krieges. Blindwütiges Töten um einer Idee, eines Machtanspruches oder der Habgier willen, hinterlässt stets nichts als ein Blutbad, verbrannte Erde und Angst. Es bleiben die Bilder lebendig in der Erinnerung, jeder Gedanke weckt diese. Die Angst vor Wiederholung der Vorgänge führt zu Nachrüstung, wie jede Bluttat eine weitere nach sich zieht. Eine Spirale, die sich seit Beginn der Menschheit dreht und immer gigantischere Mittel hervorbringt. Die Bilder der Toten haften wie Geister im Unbewussten der Schlächter. (Siehe auch Programmheft)

Ein großes schwarzes Zelt nahm den hinteren Teil der Bühne ein, an dessen Rückwand ein Bett stand. Schlafender Raum. So teilte Muriel Gerster (Bühne) die Aktionsfläche in zwei Bereiche. Also Tag und Nacht. Im Dunkel, unter der blutverschmierten Decke, fanden Duncan und der König den Tod. Hierhin flüchtete Macbeth, wenn die Geister ihn einholten. Hier schlief König Macbeth auf dem Boden, wenn sie neben Banquos Geist im Bett keinen Platz mehr fand. Hier drang der Wald von „Birnam“ ein und füllte den Raum, erstickte Macbeth. Die Hexen in den bunten Cocktailkleidern beobachteten sein Ende.

Die Übersetzung von Thomas Brasch greift vor allem jene Zeilen des Shakespeareschen Textes auf, welche Handlung und Gedanken tragen. Seine Sprache ist knapp, prägnant, gewohnt. Karin Henkel und Dramatur Jeroen Versteele kürzten, durchsetzten den Text mit Alltagssprache und schnoddrigen Bemerkungen, suchten dazwischen nach verbalen Ventilen. Also flapsig. „Drei Mal hin, drei Mal her, drei Mal … das ist nicht schwer.“

Die Mehrfachbesetzung der Akteure führte zu einem abwechslungsreichen Reigen, in dem jeder Darsteller auch jede Figur hätte sein können, ausgenommen Macbeth, der von Jana Schulz konsequent weibisch und transzendierend gegeben wurde. Also androgyn. Der Kostümwechsel, der für den Figurenwechsel stand, wurde sichtbar vollzogen. Die Handhabung von Blut und Messern erfolgte von Lady Macbeth (Katja Bürkel) ebenso emotionslos, die die von Mikrofonen und Beleuchtung oder das Wechseln der Kleidung. Während die äußere Rolle des Malcom dieser Akteurin, mit männlich anmutendem trainiertem Körper, entsprach. Neben der gequälten Macbeth, die sichtlich litt, entwickelte allein die weibliche Hexe (Kate Strong) erkennbares Spiel oder für Sekunden fassbare Zauberkraft. Banquo (Benny Claessens) spielte freundschaftlich kindliche Verbundenheit zu Macbeth und Stefan Merki wirkte als Hexe ebenso umgänglich, wie er es auch als pumpsbeschuhter Duncan tat.

Die Auflösung der Geschlechterrollen, welche in früherer Zeit vor allem auch als Hilfestellung zur Entwicklung von Persönlichkeit verstanden wurden, voranzutreiben, scheint ein ernstzunehmendes Anliegen zu werden. Manche Spezies der Natur erfuhr im Laufe der Zeit eine Mutation. Warum sollte folglich nicht ein Dasmensch möglich sein. Also freundlich wie Banquo, umgänglich wie Duncan, transzendent wie Macbeth, anpassungswillig wie Malcom und emotionslos berechnend wie Lady Macbeth.

Die Inszenierung von Karin Henkel baute auch auf Bilder, wie sie im Comic Style verwendet werden. König Macbeth trug eine ihr zu große Krone auf dem Haupt, diese rutschte über die Stirn, die Ohren. Verloren stand sie am Mikrophon, der König, die Schultern hängend, das Hemd blutverschmiert. Nachts trug der Geist Banquos die Krone, wenn er es sich im Bett bequem gemacht hatte oder er, eingewickelt in ein Steppbett, am Zeltrand stand. Dazwischen stakste Lady Macbeth im roten sexy Kleidchen und forschem fast militärischem Habitus ans Mikrophon, an die Rampe. Macduffs Frau und der Sohn erschienen hinter dem Fenster des Schlafenden Raumes wie Marionetten im Puppentheater und das Blut spitzte sichtbar in hohem Bogen. Und Kommissar Macduff fragte vergeblich nach Sohn und Frau. Die Bühne wurde ein Experimentierfeld, zwischen Wachendem und Schlafendem Raum, das Möglichkeiten und Wechselwirkungen vor Augen führten wollte, sowie die Besetzung und der Spielgestus die Weiterführung bereits angelegter und beschrittener Pfade veranschaulichte. Die Geschlechterrollen wurden angekippt und die bürgerlichen Formen von Haltung, Benehmen und Ausdrucksweise kamen ja bereits aus der Mode. Die Auflösung der Form und das Aufgreifen verschiedenster, von kindischen bis aus anderen Medien geläufiger Ausdrucksmittel, wurde vielleicht gewählt, um auf das Groteske manchen Geschehens deutlicher aufmerksam zu machen, oder aber, weil es für mittlerweile einige Generationen zum Selbstverständnis gehört. Also zeitgemäß. Und ob die Aktion, welche Karin Henkel mit der Aufführung formte, für den Zuschauer aufgeht, liegt vor allem auch in den Sehgewohnheiten des einzelnen und seiner Bereitschaft sich irritieren oder einzulassen.


 
C.M.Meier

 

 


Macbeth

von William Shakespeare

Deutsch von Thomas Brasch (Die Tragödie des Macbeth)
In der Fassung von Karin Henkel und Jeroen Versteele

Jana Schulz, Katja Bürkle, Benny Claessens, Stefan Merki, Kate Strong

Regie: Karin Henkel
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