Residenz Theater Im Dickicht der Städte von Bertolt Brecht


 

 

Vom Schaumschlagen und anderen theatralischen Handlungen

Gut fünfzig Jahre ist Bert Brecht nun schon tot und noch immer scheint sich die Leserschaft kein deutliches Bild von den wahren Weltanschauungen dieses literarischen Schwejks machen zu können. Nun, da kann die Kunst aushelfen - sollte man meinen. Weit gefehlt. Man fällt immer noch reihenweise auf Brecht herein und diesen würde es freuen, wenngleich er, was die Umsetzung seiner Theaterstücke anbetraf , absolut kompromisslos war. Vermutlich wäre er nach der Generalprobe zu "Im Dickicht der Städte" am Residenz Theater nicht mehr in die Premiere gegangen, wie dereinst (1947) in Los Angeles zur UA des "Galilei". Während Charles Laughton in ein künstlerisches und finanzielles Desaster schlitterte, saß Brecht in einem nahe gelegenen Restaurant, um "soziale Studien" zu treiben. Bei aller Unberechenbarkeit des Dichters wäre eines immerhin gewiss, die Tantiemen hätte er ungeniert eingestrichen.

Brecht hatte unbestritten ein künstlerisches Genie, das sich auf der Kenntnis des Lebens gründete. Er war philosophischer Dogmatiker, ohne ernsthaft Philosophie studiert zu haben. Seine Dogmen galten für jedermann, nur nicht für ihn selbst. Selbst sein Marxismus, er brüstete sich unentwegt mit der tiefen Kenntnis desselben, ging auf tönernen Füßen. Lotte Lenya wusste zu berichten, dass in seine imposante Karl Marx Ausgabe Kriminalromane eingebunden waren. Brechts unerschütterliche Weisheit entsprang einer praktischen Vernunft. Und praktisch verwertbar war seine gesamte Literatur, vergleichbar mit der Shakespeares. So verwundert es nicht, dass er weltweit nach dem großen Engländer der am meisten gespielte Autor ist. Und Brecht hat Zukunft, denn die Welt ist zwar fortgeschritten seit dem Augsburger Abkömmling, doch nicht fortschrittlicher geworden.
 
   
 

Thomas Loibl, Ulrike Arnold, Marina Galic, Wolfgang Menardi, Rainer Bock, Anne Schäfer, Ulrich Beseler

© Thomas Dashuber

 

 

Brecht in Bayern auf der Bühne zu erleben ist etwas Besonderes und die Ankündigung elektrisiert. Allerdings enttäuschte die Inszenierung von Tina Lanik selbst geringste Erwartungen.
Das Stück erzählt die Geschichte zweier Männer, die ohne ersichtlichen Grund einen Kampf gegeneinander führen. Zurück geht Brechts Einfall zu diesem Stück, wie auch zu "Trommeln in der Nacht", auf die Erkenntnis, dass die moderne Großstadt ein Dschungel sei. Diese Idee kam ihm beim Lesen der Werke Kiplings. Was naturgegeben ist, bedarf keiner Erklärung, meinte Brecht und lässt uns denn auch im Dunkeln über die Motive des Holzhändlers Shlink, den Bibliotheksangestellten Georg Garga zu besagtem Kampf zu zwingen. Der weltanschaulich noch pubertierende Brecht war neugierig auf die Verhaltensweisen des Menschen unter veränderten Bedingungen. Er war auf der Suche nach tradierten Wahrheiten über das menschliche Wesen. So ist es am Anfang ein ungleicher Kampf, denn durch Besitz und soziale Stellung ist Shlink seinem vermeintlichen Gegner haushoch überlegen. Shlink überschreibt Garga seinen gesamten Besitz und macht ihn somit zum gleichwertigen Gegner. Doch Garga ist überfordert mit der Situation und scheitert gerade an seinem neu errungenen sozialen Status. Er wird zum Säufer und Kriminellen. Seine Anschauungen, die er zu Beginn um keinen Preis verhökert hätte, werden wertlos. Garga opfert alle ihm nahe stehenden Menschen. Am Ende, für eine kurze Zeit hat er Shlink mit in den Abgrund gerissen, verweigert er sich dem Kampf mit dem Argument, es ginge nicht darum "der Stärkere zu sein, sondern der Lebendige". Shlink muss sich eingestehen: "Die unendliche Vereinzelung des Menschen macht eine Feindschaft zum unerreichbaren Ziel. (…) Ja, so groß ist die Vereinzelung, daß es nicht einmal einen Kampf gibt." Angesichts seiner eigenen hoffnungslosen Vereinsamung tötet er sich. Diese Aussage stand in der gesamten Inszenierungstradition des Stückes im Vordergrund.

Regisseurin Tina Lanik gelang es nicht, wirkliche Akzente zu setzen, die dem Zuschauer ihre Lesart verdeutlichten. Sie erzählte die Geschichte ohne wirkliche Höhepunkte. Unter ihrer Führung nahmen nur zwei Figuren deutlichere Umrisse an, Garga und Shlink, der Rest war mehr oder weniger Staffage. Rainer Bock schuf einen Shlink, der auf absurde Weise zum Sympathieträger wurde. Fast väterlich buhlte er um die Feindschaft seines Gegenüber. Seine Argumente waren stichhaltig und denunzierend zugleich. Denunziert wurde Garga, dem er immer wieder vor Augen hielt, dass er seiner eigentlich nicht würdig war, dem er (Warum eigentlich?) aber dennoch immer wieder die Partnerschaft der Feindschaft antrug. Thomas Loibl, der mit vollem Einsatz spielte, gestaltete einen Garga, der in jeder Hinsicht engstirnig, engherzig und visionslos versagte. Garga, ein Mann der Bücher gelesen hatte, dessen Geist durchaus entwickelt war, erstarb im Gestammel seiner eigenen Sprachlosigkeit.

Die keineswegs unbedeutenden Nebenrollen zeichneten sich in erster Linie durch Klischeehaftigkeit aus. So kroch Barbara Melzel kettenrauchend in ihrer hündischen Ergebenheit Shlink hinterher, der sie nicht erhören wollte. Marina Galic spreizte sich schrill und aufdringlich in Vulgarität, denn sie verkörperte die zur Hure gewordene Freundin Georg Gargas. Ulrike Arnold musste als Hotel-(Bordell-) besitzerin Wurm in schwarzen Strümpfen stolzieren und Schnaps verabreichen und Peter Albers kam in seiner Rolle als Pat Mansky über den Habitus eines dumpfen brutalen Kleinbürgers nicht hinaus. Einzig Arnulf Schumacher wirkte in diesem Reigen der Beliebigkeit glaubhaft. Als John Garga, Georges Vater, war er in seiner pragmatischen Brutalität und Emotionslosigkeit präsenter als die meisten seiner MitspielerInnen.

Kurioserweise war das Bühnenbild von Magdalena Gut ein typisch Brechtsches. Der "Brechtvorhang" war effektvoll goldfarben und auf der kargen Bühne befand sich kein Requisit, das nicht bespielt wurde. Man hielt sich in Bezug auf das Bühnenbild deutlich an die Vorgaben der durch Brecht definierten "epischen Methode". Leider, und das wurde in dieser Inszenierung eklatant deutlich, schrieb er das Stück bevor er diese Methode entwickelte hatte, also in einer Zeit, in der er der bühnenbildnerischen Opulenz durchaus noch zugetan war. Das sollte nicht auf die leichte Schulter genommen werden, denn selbst Brecht gestand 1941, dass ihm "Im Dickicht der Städte" (…) "fremd geworden" war. Es war mit den Prinzipien seiner didaktischen Methode nicht mehr vereinbar.

Zwei Vorgänge auf der Bühne waren dennoch von herausragender Bedeutung. Zum ersten war es der fulminante Schaumregen, in dem am Ende alles zu ersticken drohte. Die Bedeutung liegt dabei in der völligen Zusammenhangslosigkeit. War "Im Dickicht der Städte" eine Seifenoper? Gab es einen tieferen Sinn über die Quantität hinaus? Schaumschlagen weil es Zeitgeist ist?
Der zweite Vorgang spricht noch beredter von der Qualität der Inszenierung. Die einzige wirkliche Publikumsreaktion entstand, als eine chinesische Frau (Tina Chan) mit John Garga (Arnulf Schumacher) chinesisch redete. Es ist schon verwunderlich, wenn das Publikum erst dann reagiert, wenn es (sprachlich) nichts versteht. Zwei billige Effekte, die nichts mehr retten konnten. Es war ein läppische Inszenierung ohne verbindliche Bilder. In einem Interview sagte mir Karl Mickel einmal: "Wo keine Weltbilder mehr sind, da können auch keine Bühnenbilder mehr entstehen." Er war Brechtschüler.

Ein Blick nach nebenan hätte dabei hilfreich sein können. Im Volkstheater inszenierte Hans Neuenfels "Baal". Neuenfels hatte immerhin heraus gefunden, dass es Anarchisten wie Baal in Zeiten des allumfassenden Opportunismus nicht mehr gibt. Heute haben Rebellen eine Altersvorsorge oder sind schlimmstenfalls Hartz IV-Empfänger. Was ist heute an den Städten noch Dschungel?

Eines immerhin wird Frau Lanik mit Brecht gemein haben. Auch sie wird die Gage ungeniert kassieren.


Wolf Banitzki

 

 


Im Dickicht der Städte

von Bertold Brecht

Ulrike Arnold, Gabriele Dossi, Marina Galic, Barbara Melzl, Anne Schäfer, Peter Albers, Ulrich Beseler, Rainer Bock, Thomas Loibl, Wolfgang Menardi, Arnulf Schumacher und Sebastian Winkler

Regie: Tina Lanik
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