Kammerspiele Oedipus auf Kolonos von Sophokles


 

 

Warum Sophokles heute?

Sophokles, 465 v. Chr. in Kolonos geboren, war in tiefer Heimatliebe Athen verbunden. Er war Schatzmeister des Attischen Seebundes und Stratege neben Perikles während Athens Blütezeit (dem Namen nach eine Demokratie), führte die traditionellen religiösen Kulte weiter und gestaltete in seinen Theaterstücken Stoffe der Mythologie. "Ein Staatskünstler!", hätte Thomas Bernhard gesagt. "Ein Staatskünstler!" Einer, der die Moral und die Ideen des Staates in Kunst befördert und vom Staat dafür zum Klassiker befördert wird. (So sinngemäß Thomas Bernhard.) Seine Figuren fügen sich stets in ihr Schicksal, begehren nie gegen die Götter auf und die Rebellion gegen die Staatsmacht beschränkt sich auf Akte der Humanität (Antigone beerdigt Polyneikes, ihren Bruder, wider Kreons Gebot). Handeln dagegen ist oberstes Prinzip. Seine Figuren handeln stets mit den Göttern, Schuld und Sühne werden wie Ware und Geld verschoben. Das heißt: Die sogenannte göttliche Wahrheit fordert gleich einer übergeordneten Instanz Tribut. Es ist, als zahle man Steuer, Ablass ... Sophokles Werke tragen diese Botschaft über Jahrtausende, haben so nichts an gewünschter Aktualität verloren.

Sophokles ist neunzig Jahre alt, als er Oedipus, den mit reichlich Schicksal geschlagenen König Thebens, seine letzte Ruhestätte suchen lässt. Alt und blind kommt der an den Hain der Eumeniden-Göttinnen auf Kolonos, um Einlass zu erbitten. Und während Oedipus sein Anliegen formuliert, steht die Vergangenheit noch einmal auf. Sein Sohn Eteokles schickt Kreon, um die segenbringende Gestalt des Vaters nach Theben zurück zu führen. Auch Polyneikes buhlt um die Gunst des Vaters. Vergebens. Oedipus steht durch den "Willen der Götter" noch einmal im Mittelpunkt. Das Orakel von Delphi hatte seinem Körper besondere Kräfte zugesprochen. Doch Oedipus hat sich entschieden. Er bittet Theseus in Athen um Schutz für sich und seine Töchter. Theseus (ein Schlagetod in der Geschichte) demonstriert Ehrfurcht vor den Göttern und Hilfsbereitschaft für die Leidgeprüften (Eine moralische Botschaft an die vom Pelop. Krieg gebeutelten Bürger Athens). Auch die Götter, deren Winken Oedipus stets folgte, sind ihm nun wohlgesonnen, hat er doch die Verfehlungen durch maßloses Leid gesühnt. Der Erhebung des Oedipus zum Heros steht nichts mehr im Weg. Er geht einem sanften lauen Tod entgegen.
 
   
 

Stephan Bissmeier, Sylvana Krappatsch

© Andreas Pohlmann

 

Jossi Wielers Inszenierung des "Oedipus auf Kolonos" spielte auf schräger Ebene. Die Bühne, gestaltet von Barbara Ehnes, zeigte die Stadttore Athens, einen Fels und einen schmaler Bach, alles getaucht in gedämpftes Licht. Zeitgenössische einfach klare Ästhetik bietet sich dem Auge des Zuschauers, nichts das ablenkt vom Deklamations-Spiel. Auf dieser Bühne ließ Jossi Wieler den "Staatskünstler" Sophokles das Wort führen - gekürzt, doch ungebrochen. Ja, er bediente als Regisseur geradezu den Text, obwohl er offensichtlich wenig damit anzufangen weiß, wie die fehlende Akzentuierung nur zu deutlich machte. Ah ja, das Thema "Migration" an den Kammerspielen ... Warum hat er dann Sophokles und die verblasene Moral auf die Bühne gebracht? Hat er nicht daran gedacht zu hinterfragen, zu entlarven?

Einzig, sein Oedipus starb nicht verklärt, von Schuld befreit, sondern verließ die Bühne durch den Zuschauerraum, wankte ins Dunkel. "Wir alle sind Oedipus", wie das Programmheft dazu meint. Und tappen wie Blinde im Dunkeln nach dieser Inszenierung?

Stephan Bissmeier gab diesen Oedipus, einen uneinsichtigen alten Mann, der über eine Stunde lang um seinen Frieden rang. Mehr in Selbstreflektion, denn in weiser Selbsterkenntnis schwelgte, selbstgerecht und starrsinnig dabei, deklamierte er mehr in sich hinein, denn ins Publikum. Er verschluckte sich geradezu am Text, ein Blinder, der auch in sich blind ist. Wie ein Stummer, der nur in sich die Worte hat. Wie einer, der ohnehin nur seine Sicht gelten lässt. Das ist zwar, im Hinblick auf die vielen alten Männer, Zeitgeist pur, der hier auf die Bühne kam, doch zu welchem Schluss? Der Textvortrag litt unter dieser Darstellung, doch Leiden hervor kehren hat, wie gefügig Unschuld beteuern, modernen Stellenwert. Was kümmern die Inhalte, wenn das eigene Äußere gut rüberkommt.

Die Töchter Antigone (mütterlich besorgt Annette Paulmann) und Ismene (genial hilflos Caroline Ebner) wirkten wie Schatten um ihn und auch Kreon (verschlagen Hans Kremer) und Polyneikes (ansatzweise aufbegehrend Edmund Telgenkämper) stellten mehr Gespenster, denn selbstbestimmte erkennbare Gestalten dar.

Ausgerechnet Theseus kommt bei Sophokles die Rolle des idealen humanen Führers zu. Eine Frau (sehr zurückhaltend Silvana Krappatsch) trägt in dieser Inszenierung den Namen. Die Geschlechterrollen wenden sich scheinbar und damit die Vorzeichen, doch die alten Texte werden weiter deklamiert und kultiviert.

Mythen sind das Grundgerüst der menschlichen Entwicklung und werden nicht selten dazu benutzt reale Vorgänge zu erklären und zu veranschaulichen. Sophokles Botschaft ist die eines alten Mannes der Gnade vor den Augen der Götter und der Geschichte sucht und noch eine letzte Botschaft des Humanen an die Zuschauer bringen will. Wenn alte Menschen in Bigotterie verfallen, so hat dies einen natürlichen Grund, die Angst vor dem Tod, doch auch immer etwas Peinliches. Und, was nützt die Botschaft, wenn Oedipus in dem Hain der Eumeniden (den von den Athenern verehrten und beschönigt bezeichneten Erinyen- Rachegöttinnen) Zuflucht sucht und damit klare Handlung setzt, vom schwertkräftigen Theseus begleitet "grablos hinging anders als jeder andere"?

Es sollte nicht angehen, dass ein Stück nach 2400 Jahren unreflektiert und ungebrochen auf die Bühne gelangt und dass fehlende Weltanschauung durch ästhetischen Manierismus ersetzt wird.


C.M.Meier

 

 


Oedipus auf Kolonos

von Sophokles

Stephan Bissmeier, Annette Paulmann, Caroline Ebner, Hans Kremer, Edmund Telgenkämper, Sylvana Krappatsch, Anna Böger, Rena Dumont, Angelika Fink, Lena Lauzemis, Musik: Charlotte Hug

Regie: Jossi Wieler
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