Halle 7 Fluchten von Jochen Strodthoff


 

 

Angesagt

Die letzte zugelassene Spielwiese für Beziehungen, eine überdimensionale Schaumgummimatratze nahm die Bühne ein. Auf sie ließ Micha sich fallen: „Aua“.
 
Auf die Leinwand hinter der großen Matratze wurde Blumenidylle am Fensterbrett oder eine verkehrsreiche Straße projiziert. An ihrer Rückseite war deutlich sichtbar eine orange Plastikfolie drapiert (Bühne Emilia Scharfe). An ihrem Rand sind Eva, Micha, Raquel und Robert. Sie vertreiben sich die Zeit, sie „hängen ab“ auf vier Schaumstoffwürfeln, wippen mit den Beinen, schauen in die Luft, wechseln die Stellung, doch nie die Haltung. Der Apfelbaum im Garten steht für das verlorene Paradies, in das es kein Zurück mehr gibt. Eva und Micha haben durch einen Autounfall die Eltern verloren, und es bleibt ihnen nur ein großes altes Haus, in dem sie die Beziehung von Mutter und Vater wiederholen. Sie tun dies solange ungestört, bis Micha, der als Nachtportier in einem Hotel arbeitet, Raquel begegnet. Diese verbindet ein sexuelles Verhältnis zu Robert, aus welchem eine Frucht heranreift. Doch nicht nur mit Robert sondern auch mit Micha lässt sich Raquel ein. „Wir machen rum“, so erklärt Micha sich Robert, seinem Lehrer an der VHS, der nach dem Prinzip „alles nur eine Frage des Timings und der Präzision“ durchs Leben zu kommen versucht. Eva begegnet Raquel, erfährt von deren Schwangerschaft, von der nur Micha nichts weiß. Die beiden Frauen stecken ebenso das Terrain ab, wie die Männer, bei deren handgreiflicher Auseinandersetzung sich die orange Folie bläht. Am Ende liegt ein riesiger Ballon, gleich einem Phallus mit zwei gleichen Enden oder einem Ei auf der Matte.

Sie gestikulieren, sie verziehen die Mienen, sie winden und krümmen sich in alltäglichen Gesten und dennoch fehlen ihnen die Seelen und das verbindende Gefühl. Wenn sie leiden, leiden sie sprachlos und wenn sie leiden, leiden sie unfühlbar. Jochen Strodthoffs Figuren agieren in den alten menschlichen Mustern und haben dennoch die inneren Bezüge zu sich und zueinander verloren. „Ich als Person … ich komme da nicht vor“, so Raquel am Ende und Micha entgegnet: „Nein.“

„Wenn ich eine Geschichte am Horizont sehe, schieße ich sie ab.“ Das Geflecht der Verbindungen zwischen den Personen ist vielfältig und mit jedem Gegenüber werden andere Eigenschaften erkennbar. Es definiert sich der Mensch doch auch durch seine Beziehungen. Sind diese lose bis unverbindlich, so tritt der Mensch auch nicht wirklich zu Tage; es agiert das Wesen in wechselnden Farben. Feinsinnig gab Patricia Aulitzky die Raquel, verständig und doch auf „den Bauch fixiert“ bemühte sie sich der Gefühle Herrin zu sein. Ihr Spiel war facettenreich und das einer selbstbewussten Frau, die zwischen zwei Männern operiert. Eva, die vorzeitig erwachsen gewordene Schwester Michas wurde von Kathrin von Steinburg gegeben. Die Palette ihrer Ausdrucksweisen reichte von fürsorglich mütterlich bis kämpferisch dominant, wenn es galt, für Micha einzustehen. Ging es um sie selbst, so wechselten Tonfall und Sprache. Gabriel Raab stellte Micha dar. Ein wenig wie ein Bär, ein netter und umgänglicher, mutete er an, der das Spiel der Frauen mitmachte und doch seinen eigenen Weg suchte. Neugierig und tapsig wankte er bisweilen über die Matte. Anders Robert, intellektuell kalkulierend, stets die Situation abschätzend, gab Felix Hellmann den Dozenten. Er wusste Bescheid über die Vor- und Nachteile der permanenten Erreichbarkeit durch ein Handy und kannte alle Tricks, sich aus unangenehmen Situationen zu stehlen. Dennoch schlummerte in ihm Gewalt, die rücksichtslos, lautstark und handgreiflich zum Ausbruch kam.
 
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Gabriel Raab, Felix Hellmann

© Hilda Lobinger

 

 

Autor und Regisseur Jochen Strodthoff, dessen Werke bei zahlreichen Theaterwettbewerben nominiert waren, schuf ein in sich verschlungenes und verbundenes Werk, welches in seiner Bildhaftigkeit mit den erfassten Situationen umgeht. Das Programmheft beschreibt die Verhaltensweisen des Chamäleons, beschreibt diese als „die passiven Opportunisten des Tierreichs“. Strodthoffs Figuren gleichen den Tieren „sie konfrontieren sich nicht, sondern haben zahlreiche Möglichkeiten entwickelt, sich anzupassen, unsichtbar zu machen, zu verschwinden“. Flexibel und in jeder Situation „angemessen“ reagieren, das zeichnet den Opportunisten aus. Längst ist sein Typus zum Ideal avanciert. Kein Magazin und keine Berufsbeschreibung verzichtet auf diese Attribute, um den angesagten perfekten zeitgemäßen Menschen zu beschreiben. Doch: Die Gemeinschaft von Menschen, das Miteinander, liegt in einer ethisch moralischen Grundhaltung begründet. Wo diese fehlt gibt es kein Menschsein.

Jochen Strodthoff machte dies auf künstlerische Weise, gelegentlich mit einem Augenzwinkern humorvoll, oder abwechselnd mit drastischen Handlungen sichtbar. Es ist ihm eine dichte Inszenierung, dicht an Inhalt, Körpersprache und der präzisen darstellerischen Präsenz der Schauspieler gelungen. Hingehen, ansehen!

C.M.Meier

 

 

 


Fluchten

von Jochen Strodthoff

Kathrin von Steinburg, Gabriel Raab, Patricia Aulitzky, Felix Hellmann

Regie: Jochen Strodthoff
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