Kol Postbiedermeier
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- Kategorie: VArchiv
- Veröffentlicht am Samstag, 18. Juni 2011 17:01
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Kolumne
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Postbiedermeier
Ein wenig provozieren, aber keine radikalen Aussagen wagen. Ein wenig den Zeitgeist widerspiegeln, aber bloß nicht bis zu letzten Konsequenz. Ein wenig kritisch, aber nur bis zum Ansatz des Unschicklichen. Ein wenig nackte Tatsachen, aber bitte auf die bloße Haut beschränkt. Das, so könnte man sagen, zeichnet Staatstheater in München zu Beginn des zweiten Dezeniums im 21. Jahrhunderts aus.
Es gilt nach den ideologischen Prämissen des Neoliberalismus, der die Wirtschaft und die Geisteshaltung der so genannten Eliten, der selbsternannten wiedergibt, auch den Kunstbetrieb zu führen. Theater für den Geschmack und die Sehgewohnheiten zu machen, bedeutet Zuschauerquote bedienen, die Geldgeber, welche wie Zensoren unerkannt im Raum sitzen, bedienen, das System bedienen und bei aller Diensteifrigkeit einer Dienstleistungsgesellschaft … bleibt die Kunst … gern auf der Strecke. Noch dazu, wenn die Neigung zum Totalitarismus fest im Fleisch verankert ist. Dessen Tugenden heißen zur Zeit: Beflissenheit, Selbstgefälligkeit, Angepasstheit, Kleingärtnerei und Großman_stum, Gewinnstreben usw.
Die Pfründe dafür erscheinen zwar gesichert, man kreditiert sich großzügig selbst, arbeitet hart und solange die „Anderen“ die Schuld begleichen, das Publikum brav applaudiert, sind die Verwalter wohl wohlgesonnen. Und marktfähig ist es allemal, da die Zensoren die Preise ausschreiben und vergeben – denn Ausgepreistes ist immer marktfähig. Es herrscht eitel Einigkeit zwischen Zuschauern und Machern: Der Rahmen ist klein genug abgesteckt, um nicht Unerwünschtem oder gar Unerhörtem Raum zu lassen. Die Prämissen sind wie Parolen ausgegeben und deren Parodien beherrschen Bühnen wie öffentlichen Raum.
In einem der renommiertesten ältesten Schauspielhäuser wird ausgiebig romanisiert, man lebt in Adaptionen Befindlichkeiten und Gags darstellerisch aus. Spaßgesellschaft. Auf der anderen Straßenseite inszeniert man sich selbst, mit dem nötigen Pathos versteht sich. Greisenrepublik. Ein Stadtviertel weiter kopiert man weitgehend von einer älteren ausgezeichneten Inszenierung eines anderen, ohne viel Aufwand. Medienkreativität. Sparsamkeit in der bildenden künstlerischen Konsequenz, mal abgesehen von der Konsequenz zur bestätigenden Bequemlichkeit, zeichnet sich ab, auf welche Bühne das Auge auch blickt. Allein bei der Darstellung von veräußertem Innenleben Einzelner, darin ist man sich einig, wird üppig inszeniert. So genannte Individualität. Der Rückzug auf sich selbst, die Flucht ins Innen, ist der einzig verbliebene Freiraum und dieser lässt sich ungestraft verkaufen. Er muss geradezu verkauft werden, um zu überleben, um den Voyeurismus und den Kontrollwahn zu füttern, die nach permanenter Bestätigung lechzen. Zu jeder Zeit gab und gibt es Dienste die diese Funktion, staatlich eingesetzt und mit der nötigen Wichtigkeit ins rechte Rampenlicht gerückt, ausführen. Die Medien sind voll der Protokolle, der so genannten wissenschaftlichen Beweisführungen, sie profitieren und profitieren. Nur vermarktete Individualität ist gute Individualität – so etwa könnte das Fazit heute lauten.
„Kunn’st Bürger … … und sie nennen sich Künstler. Die Galerien füllen sich mit dekorativ Darstellendem, welches sich auf Realismus und Variationen bezieht. Man trifft sich auf Partys, tanzt und amüsiert sich, trägt locker den Kaschmirschal über die Schulter geworfen oder liberalen Dreitagebart und tauscht die neuesten Kochrezepte aus. Das Privatleben wird halböffentlich zelebriert, bringt es denn Quote, Registrierungsquote oder Seitenplatz in den Medien. Damit bedient man den Geschmack der „Anderen“, denen der verführerische Glanz die Augen und Ohren für die Realität verblenden und verstopfen soll, sind sie doch mit dem Nacheifern über die Maßen beschäftigt. Unter dieser grinsenden Scheinzufriedenheit sollte langsam der gesunde Volkszorn kochen, wenn auch anfangs auf Sparflamme. Es arbeitet im Untergrund, Hintergrund oder hoffentlich grundsätzlich …
Denn gespart wird an konsequent kritischen Aussagen, gespart wird an weiterführenden Darstellungen, gespart wird an neuen Stücken mit Weit- und Weltsicht, gespart wird an humorvoller Ernsthaftigkeit, gespart wird an deutscher Sprache und ihrem Reichtum, gespart wird … nicht an Beliebigkeit. Gespart wird an den „Anderen“. Die Parzellen im Geiste sind mit Schwarzstift abgegrenzt und mit Rotstift markiert. Die Freie Szene darbt, leidet an chronischem Mangel und wird immer weiter zusammengestrichen. Dabei finden oft gerade hier sich die außergewöhnlichen Stücke, Inszenierungen und Äußerungen. Im Gegenzug verschwendet man an einer Bühne in materieller Aufwändigkeit, wohl auch um ein Stück Zeit zu füllen, die Mittel mit denen fünf freie Produktionen ihren Weg ans Publikum hätten finden können. Dem Himmel sei Dank, dass Künstlertum von Ideenreichtum abhängt.
Und nun?
PS: Eine Krise besteht darin, dass das Alte nicht (Einfügung Autor) stirbt und das Neue nicht geboren werden kann." Antonio Gramsci
Juni 2011 |



