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Kammerspiele Kleiner Mann - Was nun? von Hans Fallada
Kleiner Mann und kein Ende
Sicher ist, dass der Umgang mit dem Stoff kein Vabanquespiel ist. Falladas Roman vom liebenden Ehepaar, das unaufhaltsam die soziale Leiter hinabsteigt, ohne am Ende seine Liebe zu verraten, hat stark idealisierte Züge, nach denen sich heutige Zeitgenossen im Überlebenskampf sehnen. Luc Perceval nutzte für seine Inszenierung einen psychologischen Grundzug, der wohl auch die Zeitlosigkeit der Vorgänge dokumentierte. Es ist die Naivität und der Glaube kleiner Leute, dass sich am Ende doch alles zum Guten wendet. So glich die Bühne von Annette Kurz einem schwarzen Loch, einem Universum ohne Anfang und Ende, in dessen Mittelpunkt ein großes Orchestrion platziert war. Aus diesem erklangen dann immer wieder die Musiken der "Kleinen Leute" zur Falladaschen Zeit, zu denen die Darsteller Texte wie: "Wenn dir auch zum Weinen ist, keep smiling!", "Einmal schafft's jeder!" oder "Eines Tages werde ich glücklich sein." erklangen. Wer kennt sie nicht, die Schnulzen der Ufa-Zeit! Immerhin, ein Text stach auch dem kitschig einlullendem Tenor heraus und benannte das Dilemma: "Zeige dein Gesicht, deine Seele zeige nicht!"
Es war unbestritten ein Abend großen Schauspiels. Dabei scheute sich Luc Perceval nicht, die Personage gänzlich anders zu besetzen als die literarische Vorlage vorgab. So wurde Pinneberg, im Roman eine nach außen hin leidenschaftslose und sehr zurückhaltende Figur von Paul Herwig gespielt, der überbordernd die Emotionen des kleinen Angestellten an die Oberfläche krempelte. Herwigs Spielgestus beschrieb einen gebeutelten Mann, der der rauen Welt physisch kaum etwas entgegenhalten konnte, und der gleichsam wie ein Blatt im Wind in seinen psychischen Zuständen hin und her taumelte. Das setzte zudem schöne komische Momente, wie auch wortloses Innehalten vor dem Abgrund frei. Ein wirklicher Coup gelang Perceval allerdings mit der Besetzung der Lämmchen, wie Emma im Roman genannt wird, durch Annette Paulmann. Lämmchen ist im Roman, ganz zu Pinneberg passend, ein Wesen zartester Fadenscheinigkeit. Das macht die Beziehung beider so anrührend, denn Pinneberg ist stets gefordert, das feenhafte, feingliedrige und zerbrechliche Wesen unentwegt vor der Welt zu beschützen. Annette Paulmann stolperte äußerst proper und korpulent in die Szene. Ihre Spielweise und ihr Habitus suggerierte hingegen genau das Wesen, das Fallada scheinbar vor Augen hatte. Es zeugte von großer darstellerischer Kraft und Potenz, den eigenen Körper spielerisch im Auge des Betrachters zu verwandeln. André Jung zauberte mit der ihm eigenen, stets mitschwingenden Distanziertheit zur Figur einen widerwärtigen zynischen, nur dem eigenen Alkoholismus folgenden Arbeitgeber. Er wirkte lächerlich und bedrohlich zugleich. Hans Kremer fiel der gestalterische Part des Jachmann zu, einem kleinen Zuhälter, der Pinnebergs Mutter (Gundi Ellert kam mit dieser Rolle schlichtweg zu kurz.) vermarktete. Kremers höchst intensives Spiel gebar einen Mann, dessen großes Herz unübersehbar war, und der mit Charme und Grandezza dem Kleinganoventum ein Denkmal zu setzen schien. Peter Brombacher, Stefan Merki und Wolfgang Pregler brillierten in den Nebenrollen als Kollegen oder Vorgesetzte Pinnebergs. Nebenher spielten alle auch randglossenhafte Figuren, die zum Teil überaus skurril und doch immer glaubhaft waren. Perceval kitzelte viel Situations- und Sprachkomik zutage, was immerhin sehr heitere Szenen in der kellerhaften Düsternis erzeugte und alles verdaulicher machte. Wäre der Text jedoch nicht so stark mit überflüssigen epischen Berichten und Beschreibungen angefüllt gewesen, so dass es ein wahrer Marathon war und nicht selten auch Längen entstanden, hätte die Inszenierung eine Schallmauer durchbrechen können. Das permanente Bemühen, das Atmosphärische der Existenzen sichtbar zu machen, verstellte leider ein wenig die Sicht auf die nüchterne Botschaft, mit der die Zuschauer das Theater hätten verlassen können. Die hätte sein können: Der Kapitalismus ist nicht unfähig, die Krankheiten des Systems zu überwinden. Der Kapitalismus ist die Krankheit! Aber das wäre wahrscheinlich zuviel verlangt. Und so wird es wohl noch auf unbestimmte Zeit wie gehabt weitergehen und: "Irgendwann werde auch ich glücklich sein!" Wolf Banitzki
Kleiner Mann - Was nun? von Hans Fallada
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