Theater 44 Educating Rita von Willy Russel




Kunst will gelebt sein

Willy Russells Komödie "Educating Rita" ist ein erfolgreiches Stück. Zudem ist es auch noch ein gutes Stück. Auf den feinen Unterschied, erfolgreich bedeutet nicht zwangsläufig gut, sei hingewiesen. Schaut man sich Russells Biografie an (Nachzulesen in der Kritik "Rebellion im Reihenhaus" von C.M.Meier), wird deutlich, warum Stücke gut und erfolgreich sein können. "Educating Rita" trägt unübersehbare autobiografische Züge. Hinter diesem Text steht ein aktives Leben, was jeden Satz glaubhaft und darum um so eindringlicher macht.

Rita ist Friseuse. (Russel war Friseur.) Sie ist blond, hübsch anzuschauen und wenn sie den Mund aufmacht, ist sie das vollendete Klischee. Doch Rita leidet. Sie fragt sich, ob das alles gewesen sein soll. Höhepunkte ihres Daseins sind die Abende im Pub mit den johlenden Kumpels des Ehemanns, der Ritas Rolle im Leben festgeschrieben hat. Sie belegt heimlich einen Kurs für Literatur, denn sie möchte ihre soziale Schicht verlassen und mit denen kommunizieren, die so klug zu sein scheinen und die "gepflegt reden können". Ihr Dozent ist der Literaturwissenschaftler Frank. (Russell wurde der Ehrendoktor der Universität Liverpool verliehen.) Frank ist gescheiterter Poet, der in seiner Weltflucht einzig Zuspruch vom Whiskey erfährt. Rita beginnt zu lernen, mechanisch, alles verschlingend. Sie hat ihre Schlüsselerlebnisse in der Lyrik William Blakes und Shakespeares "Macbeth". Als ihr Mann mit der Entwicklung seiner Frau überfordert ist, stellt er ihr kurzerhand den gepackten Koffer vor die Tür. Jetzt gibt es für Rita kein Zurück mehr. Frank hingegen ist immer verzweifelter. Ihm ging es um Hilfe zur Selbstbefreiung der zauberhaft aufrichtigen Rita. Doch er muss mit ansehen, wie sie lediglich ihr Äußeres wandelt, sich im Innern aber in neue Unfreiheiten begibt. Die Poesie verwandelt sie nicht, sondern befähigt sie lediglich dazu, in der Welt der Oberflächlichkeiten mithalten zu können. "Sie singen nicht ihr Lied; sie singen nur ein anderes Lied." Diese Einsicht macht Russells Stück so ungeheuer aktuell, denn der kulturelle Schwund scheint unaufhaltsam in einer Welt des Designs und der Quantitäten. Doch Frank, wie auch Russell, ist kein Zyniker. Am Ende bleibt offen, ob Rita sich selbst finden wird. Das macht die Komödie über ihre tiefsinnige Unterhaltsamkeit hinaus noch liebenswürdiger.

 


Mascha Gohlke, Hartmut Nolte

© Hilda Lobinger


Regisseurin Irmhild Wagner setzte ganz auf den Witz des Textes, auf die soziale Determination der Figuren und auf die Geheimnisse, die aller guten Kunst innewohnen. Sie inszenierte die Szenenfolge geradlinig und wohltemperiert. Die Überraschungen und Einsichten werden nicht durch die Inszenierung erzeugt, sondern durch die anrührende Geschichte, die Irmhild Wagner unaufgeregt und ohne überflüssiges Beiwerk erzählt. Wieder einmal entpuppte sich die Enge des Theater 44 als Chance, denn Bühnenbildner Hannes Schuller hatte eine Insel des Geistes geschaffen, die all das atmete, wofür der gescheiterte Dichter Frank steht, ohne allerdings alle Brücken zur im Materialismus verhafteten Welt abzubrechen. Diese äußere Welt war durch das einfallende warme Tageslicht stets präsent und stellte somit die permanente Weltflucht des Lehrers in Frage. Hinter den Bücherreihen lugten Flaschenhälse hervor. Am Ende der Geschichte blieben die Flaschen gelehrt zurück. Waren Rita und Frank am Ende oder am Anfang? Diese Frage war wohl der bestmögliche Schluss.

Mascha Gohlkes Wandlung als Rita, von der aus der proletarischen Vorstadt stammenden, schrill quasselnden Blondine hin zur ernstzunehmenden Partnerin, eine intellektuell geschulte Suchende, war erstaunlich glaubhaft. Sie erzwang beim Zuschauer besonders im vorletzten Bild, als Frank ihre ganze Entwicklung radikal hinterfragte, Mitgefühl. Die Rolle Franks konnte mit Hartmut Nolte kaum besser besetzt werden. Nolte gab einen in sich gekehrten, stets gegen sich selbst agitierenden Lehrer, der zweifellos ein Weiser war. Aber gerade dieser Umstand und die Tatsache, sein (nichtakademisches) Wissen nicht wirklich vermitteln zu können, trieb ihn in die Arme des Alkohols. Doch am Ende, noch immer die Flasche an die Brust gedrückt, war auch er verwandelt und dem optimistischen Zuschauer fiel es nicht schwer, Franks Ende als Anfang zu verstehen. Immerhin machte Rita, die als Zweiflerin die Bühne verließ, Mut.

"Educating Rita" ist ein zutiefst menschliches Stück, nicht zuletzt, weil es von der wunderbaren Kraft der Kunst Zeugnis ablegt. Aber es zeigt zugleich ein Grundproblem unseres Daseins in der heutigen Gesellschaft auf, nämlich den fortschreitenden Verlust der Fähigkeit, die Mysterien der Kunst zu erfahren. Wie kraftlos wird der Name William Blake im Kontext des Stückes, wenn der Zuhörer ihn und seine visionäre Kunst nicht mehr kennt. Wie plakativ wird der Name John Keats, wenn man seine Poesie nicht erfahren hat. Sie werden zu Schall und Rauch und der Subtext des ideellen Daseins erlischt. Irmhild Wagners Inszenierung am Theater 44 ist angetreten, dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten. Kunst will gelebt sein.



Wolf Banitzki

 

 


Educating Rita

von Willy Russel

Mascha Gohlke, Hartmut Nolte

Regie: Irmhild Wagner
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