Kammerspiele Hamlet von W. Shakespeare


 
 
Hamlet als sinnstiftende Nebenrolle

"Elsinore ist überall" behauptet die Inszenierung des "Hamlet" an den Münchner Kammerspielen und so ist der Name des Potentaten und Politmörders Claudius nur ein Pseudonym hinter dem sich George W. Bush verbirgt. Damit hat Regisseur Lars-Ole Walburg eine Prämisse gesetzt, die durchaus annehmbar ist, das Publikum aber per se spaltet, wie einige (wenige) Abgänge während der Pause bewiesen. Doch das Stück heißt "Hamlet" und nicht "Claudius". Dies ignorierend, verschob die Inszenierung die Prioritäten zugunsten der Politik, weg vom Schicksal des gedankenschweren und handlungsarmen Prinzen, der vornehmlich eine katalysatorische Funktion übernahm. Auch das macht mehr Sinn als der Versuch, den zahllosen Hamletdeutungen eine weitere hinzuzufügen. Schrieb doch schon T.S. Eliot, den gordischen Knoten dieses Problems zerschlagend: "Wir müssten etwas verstehen, was Shakespeare selber nicht verstand." Eliot bezeichnete den Hamlet als künstlerischen Fehlschlag, was durchaus darin begründet liegen mag, dass der Dichter einen aktuellen politischen Vorgang, nämlich die Hinrichtung des Grafen von Essex 1601 wegen Verschwörung, und die Ethik Montaignes, in dessen Bann sich der Dramaturg des Globe-Theaters befand, verschmelzen wollte.

Dass Shakespeares Stücke sich für derartige Experimente eignen, ist mit dieser Inszenierung einmal mehr bewiesen und hätte wohl seine Zustimmung gefunden. Brecht, der in seiner ausgeprägten Eitelkeit immerhin Shakespeares Größe anerkannte, bemerkte einmal sinngemäß, dass man mit Politikern einfach reden müsse, damit sie einen verstehen. Walburgs dokumentarische Aufklärungsarbeit und das hinlänglich bekannte Treiben von Herrn Bush unterstreicht zumindest die Einsicht, das Politik, hier hemmungsloses Machtstreben, ein primitiver und blutiger Vorgang ist, der schaudern macht. So versucht der Regisseur erst gar nicht, Hamlet endgültig zu erklären und richtet seinen Focus auf das investigative Beziehungsgeflecht zwischen Machern, Opportunisten und Opfern. Hamlet wird zur sinnstiftenden Nebenrolle. Aus dem Stück wird ein Geheimdienstthriller.
 
   
 

Wolfgang Pregler, Christoph Luser

© Andreas Pohlmann

 

 

Um der ganzen Geschichte unter diesem Aspekt eine starke Stringenz zu verleihen, verzichtete Regisseur Walburg auf gut 50 Prozent der von Shakespeare vorgegebenen Rollen. Das Intrigante der Geschichte trat so in den Vordergrund und die Katastrophe nahm beinahe ungehemmt ihren Lauf. Der dänische Prinz treibt durch seinen vermeintlichen Wahnsinn, der sich für alle Beteiligten schnell zur Bedrohung auswächst, zum Handeln. Es gilt, den Brudermord und den illegitimen Machtwechsel zu verschleiern. Doch die Lawine rollt und die Ultima Ratio, der Tod Hamlets, wird zwingend. Am Ende bleibt nur Hamlets Freund Horatio mit dem Auftrag zurück, die Wahrheit zu verbreiten. Dieser hat nicht nur das letzte, sondern auch das erste Wort und so führt Sebastian Weber als Horatio in einem Prolog, sehr eindringlich als Understatement eines Nachdenkenden, in die heutige politische (Welt-) Situation ein.
Die Geschichte gewinnt Dank der Darstellung Christoph Lusers als Hamlet schnell an Fahrt. Luser gibt einen jungen kraftvollen Mann, der in seiner körperlichen Präsenz und seinem Sprachgestus auf erstaunliche Weise die innere Zerrissenheit des Charakters Hamlets überwindet und eine ganzheitliche glaubhafte Figur schafft. Unter den Realpolitikern stach besonders Polonius hervor, der von Jean-Pierre Cornu in hohem Maße korrekt und verbeamtet daher kam. Seine spießige, in der Intelligenz der Dummheit so gefährliche, weil von hypertrophen Selbstbewusstsein getragene Weltsicht war bedrückend und gleichsam komisch.
In der Übersetzung von Wolfgang Swaczynna oder in der Strichfassung von Dramaturgin Marion Hirte blieb eine Rolle deutlich auf der Strecke, nämlich die der Königin Gertrud. Ulrike Krumbiegel hatte nur wenig Gelegenheit, ihre Schauspielkunst bemerkenswert einzubringen. Wolfgang Preglers Claudius war so authentisch, dass er als "Mann ohne Eigenschaften" dem Bild des heutigen Politikers in erheblichem Maße entsprach.

Die Regie von Walburg war für Überraschungen gut. So bewältigte er die 5. Szene im ersten Akt (Auftritt des Geistes), die heutigentags nicht selten zur Peinlichkeit gerinnt, mit Bravour. Hamlet und Horatio lümmelten vor dem Fernseher und lauschten der (Synchron-) Stimme Robert de Niros in "Taxidriver", der gerade darüber theoretisierte, wie man den Augiasstall ausmisten könnte, als sich Hamlets Vater unvermittelt mit derselben Stimme via TV an ihn wendete. Überraschend war auch die Szene zwischen Polonius und seiner Tochter Ophelia, berückend als kindlich Verliebte und berührend als verlassene Wahnsinnige von Katharina Schubert verkörpert. Der Vater nagelte seine Tochter mit einem Tacker an die Wand, kreuzigte sie, um ihre Unschuld zu bewahren. Alles dies geschah in einem (ästhetisch) gewöhnungsbedürftigen Bühnenbild von Barbara Ehnes. Ihr Palast in Elsinore war eine konzeptionell sinnvolle Mischung aus einem Sechs-Sterne-Hotel in Dubai, dem schlechten Geschmack eines Texaners englischer Abkunft und der Karl-May-Villa "Old Shatterhand". Die Möglichkeiten, durch Drehung von Wänden zusätzliche Räume zu schaffen und Umbauten unnötig zu machen, waren mehr als gelungen.

Diese Inszenierung wird Freunde und Feinde finden. Ihre Politiklastigkeit wird die Shakespeareliebhaber auf den Plan rufen, die die hehre Kunst anbeten und nach dem altbekannten Text von Schlegel und Tieck verlangen. Sie haben nicht ganz Unrecht, denn immerhin hat diese Arbeit ihre Schönheitsfehler. Die Brüche, die entstanden, wenn Walburg seinen Schauspielern Raum gab, mit eigenen (Alltags-) Worten Kommentare zur Geschichte zu erzählen, die dann auch schon mal in Blödelei umschlagen, dienen der Sache nicht. Hier handelt es sich um ein Indiz für das Unvermögen zur Kunstsprache, die das Theater von der Realität abhebt. Und es erinnert an Frank Castorf (Volksbühne Berlin), der auf diese Weise seine Akteure aus den Zwängen der Schauspielkunst befreien möchte, letztlich aber nur die Schauspielkunst ohne wirklichen Ersatz abschafft.

Befragen wir Shakespeare noch einmal. Der plädierte vehement für einen Zeitbezug und leistete nicht selten das, was heute die Zeitungen leisten müssten und nicht zur Genüge tun. Vielleicht verhalf diese Inszenierung Herrn Markwort (Focus), der ebenfalls die Premiere besuchte, zu ähnlichen Einsichten. Denn Fakten, Fakten, Fakten sind nur Fakten, Fakten, Fakten. Walburg erreicht doch immerhin die emotionale Intelligenz der Zuschauer, denn bei ihm ging es um Menschen, Menschen, Menschen.
Und noch etwas leistet diese Inszenierung. Sie hat, was uns die Bundesregierung in dieser Deutlichkeit schuldig geblieben ist, formuliert, dass der Irakkrieg ein völkerrechtswidriger ist und ihre Veranstalter gefährliche Demagogen und Terroristen sind.

 
 
Wolf Banitzki

 

 

 

Hamlet

von W. Shakespeare

Wolfgang Pregler, Ulrike Krumbiegel, Christoph Luser, Sebastian Weber, Jean-Pierre Cornu, Oliver Mallison, Katharina Schubert, Stefan Merki, René Dumont
Sprecher: Christian Brückner, Caroline Ebner, Jochen Striebeck

Regie: Lars-Ole Walburg
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